⚠ Diese Webseite wurde nicht für Internet Explorer 11 optimiert. Wir empfehlen Mozilla Firefox , Microsoft Edge oder Google Chrome.
Veröffentlicht am:
„Trüb, trist und traurig", beschreibt Stephanie das Viertel im Frühjahr 2024. Statt dabei zuzusehen, wie sich nichts ändert, wollte sie die Dinge selbst in die Hand nehmen und den Stadtteil zum Blühen bringen. Daraus entstanden ist das Projekt „Bunter Sonnenberg“.
Stephanie hatte die Idee, den Boden an den Straßenbäumen, sogenannte Baumscheiben, mit vielen bunten Pflanzen zu begrünen. Bis dahin hatten die Stellen wenig Charme. Oft verkümmerten sie, weil eilige Passanten das Gras kaputttraten und Hunde dort liebend gern ihr Geschäft verrichteten. Das von der Stadt gesäte Gras hatte so keine Chance, zu überleben.
Durch ihren Aushang in den Straßen stieß sie auf andere Kiezbewohner, denen das Grüne in den Straßen fehlte. Schnell bildete sich eine kleine Gruppe und die ersten Stellen, die dringend etwas grün vertragen konnten, waren gefunden. Unter ihnen war auch die gelernte Gärtnerin Iris. Obwohl sie bereits Rentnerin ist, möchte sie nicht an ihren Ruhestand denken. Nahezu täglich ist sie auf dem Sonnenberg unterwegs und sammelt den Müll der Straße und gießt die Beete der Initiative. Sie sieht sich selbst als Streetworkerin des Viertels.
Bis sie die richtigen Blumen und Sträucher für die Baumscheiben gefunden hatten, mussten sie einiges ausprobieren. Einige Pflanzen entfalteten sich wie gewünscht, während andere nach kurzer Zeit wieder eingingen. Auch die vierbeinigen Bewohner des Sonnenbergs nahmen nicht immer Rücksicht auf die neuen bunten Oasen. Durch Hundekot wurden die Stellen überdüngt und die Pflanzen gingen wieder ein. Sogar ganze Beete wurden kurz nach dem Anbauen gestohlen, weil sich kriminelle Sparfüchse den Gang zum Blumenladen sparen wollten.
Inzwischen wird jedoch mehr Rücksicht auf die neuen Grünstellen genommen und die beiden haben ein Grundgerüst an Pflanzen, die bei keinem Beet fehlen dürfen. Iris achtet penibel darauf, dass ihre Beete keineswegs nach „Einheitssoße“ aussehen. Vielmehr soll es wie eine zufällige Pflanzenmischung wirken. Fast schon wie einzigartige Kunstwerke blühen die Beete entlang der Markusstraße, Gießerstraße und Uhlandstraße. Nicht nur fürs Auge sind die bunten Beete ein Genuss, auch für Insekten sind sie genial. Die beiden Frauen mit grünem Daumen finden sogar, dass sich die Stimmung im Stadtteil wegen der Pflanzen zum Positiven verändert. Die blühenden Beete zaubern vielen ein Lächeln ins Gesicht und auch Iris und Stephanie bekommen viel positives Feedback, dass sie zum Weitermachen motiviert. Motivation brauchen sie auch, denn bis November wollen sie 20 weitere Beete bepflanzen. Mithilfe von Fördergeld der Kreativachse können sie alles Nötige dafür kaufen, von Erde bis hin zu den farbenfrohen Pflanzen.
Auch wenn Iris zuversichtlich ist, die Beete bis dahin zu bepflanzen, ist Stephanie oft die Stimme der Vernunft. Manchmal hat die junge Mutter die Sorge, dass sich die Mitglieder übernehmen und ihnen das Engagement zu viel wird. Denn mit dem Pflanzen ist es nicht getan. In den ersten Wochen müssen die Beete viel gegossen werden, bis die Pflanzen groß genug sind und ohne zusätzliches Wasser überleben. Bis dahin tourt Iris im Sommer oft mit ihrem Auto und einem großen Wasserfass von Beet zu Beet und gießt, um die noch schwachen Pflanzen am Leben zu halten. Das Gießen sei die zeitaufwendigste Aufgabe, sagen die beiden. Deshalb ist die Initiative immer auf der Suche nach Nachbarn, die die Baumscheiben pflegen und gießen. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto mehr blüht der Sonnenberg auf.
Text + Fotos: Valentin Hermann