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Chemnitz hat ein Baumproblem. Nicht etwa zu wenige Bäume. Manche sind offenbar einfach noch nicht dick genug, um wichtig zu sein.
Die über 30 Jahre alte Chemnitzer Baumschutzsatzung soll von einer Arbeitsgruppe der Stadtratsfraktionen überarbeitet werden. Bislang sind Bäume außerhalb des Waldes grundsätzlich ab 50 Zentimetern Stammumfang geschützt, sowohl auf privatem Gelände als auch auf städtischem Boden; für eine Fällung braucht es eine Genehmigung und in der Regel Ersatzpflanzungen. Nun könnte die Schutzgrenze auf 75 Zentimeter steigen und die Zahl der Ersatzpflanzungen sinken. Warum? Unklar.
25 Zentimeter Unterschied klingt erstmal überschaubar. Also schauen wir uns mal an, wie ein Baum mit 50 oder 75 Zentimetern Stammumfang aussieht. Wie schnell ein Baum wächst, hängt natürlich von Baumart, Standort und Bedingungen ab. Als grobe Orientierung: Eine Linde kann für 50 Zentimeter Stammumfang rund 34 Jahre benötigen, für 75 Zentimeter bereits etwa 52 Jahre. Bei einer Eiche können es ungefähr 39 beziehungsweise 59 Jahre sein. Eine heute gepflanzte Linde würde diese Marke möglicherweise erst um das Jahr 2078 erreichen.
Gegen eine Aufweichung des Baumschutzes regt sich Widerstand. BUND, NABU, Greenpeace Chemnitz und die Lokale AGENDA fordern, die bisherige Satzung beizubehalten oder zu verschärfen, und haben dafür eine Petition sowie einen offenen Brief an den Baubürgermeister gestartet.
Aber vielleicht machen wir uns unnötig Sorgen.
Reisen wir ins Jahr 2040.
Es fing ganz harmlos an. Hier verschwand eine 25 Jahre alte Fichte aus dem Vorgarten. Dort eine Linde, deren Wurzeln den Pflastersteinen gefährlich nahe kamen. Nebenan musste ein Baum dem neuen Carport weichen.
Kein Antrag, kein Papierkram. Bürokratieabbau kann wunderschön sein. Ein Baum weniger macht schließlich noch keinen Klimawandel. Nur wurden es irgendwann mehr, die Sommer heißer, die Grundstücke sonniger, die Straßen kahler. Wo früher Baumkronen Schatten spendeten, stehen Sonnenschirme. Asphalt und Fassaden heizen sich auf. Die Klimaanlage ist inzwischen der neue Chemnitzer Stadtbaum. Sie beherbergt zwar keine Vögel, speichert kein Regenwasser und spendet keinen Schatten – passt dafür hervorragend an jede Hauswand. Daneben steht ein Ersatzbäumchen. Drei Holzpfähle. Bewässerungssack. Stammumfang: 18 Zentimeter. Aber keine Sorge, bis 75 ist ja noch reichlich Luft.
Was können wir tun? Laut werden, sichtbar werden und gemeinsam Druck machen. Von Kundgebungen über Diskussionsrunden und weitere Veranstaltungen bis zur Entscheidung im Stadtrat am 9. Dezember gibt es viele Möglichkeiten, sich einzumischen. Kommt dazu, unterschreibt die Petition und bringt andere mit. Wenn wir wollen, dass Chemnitz 2040 noch Schatten spendet, müssen wir jetzt laut werden und unsere Bäume verteidigen.
Alle Infos, sowie die Petition und den offenen Brief findet ihr unter: dieserbaum.de
Text: Paula Thomsen l Foto: Nino Micklich