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Der Palmgarten: Wildnis mit Prinzip

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Wer auf der Palmstraße im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg unterwegs ist, kommt an der Ecke Reinhardtstraße an einem eingezäunten Grundstück vorbei, das mit Holzschwarten verkleidet ist. Neben dem Eingang wächst ein großer schwarzer Holunder, durch den Zaun sieht man ein rundes Mandalabeet, einen blauen Schiffcontainer, einen grünen Bauwagen, Bienenstöcke, zwei Hollywood-Schaukeln, IBC’s, Hochbeete und viele Büsche, Bäume und wilde Stauden.

Jetzt im Frühjahr, bevor die Gartensaison beginnt, sieht der Garten schon wild aus, überall stehen vertrocknete Stängel von Brennessel, Goldrute, Großer Klette und Alant. Kein Vorzeigeobjekt für einen Kleingartenverein, und das ist es auch mit Absicht nicht. Was das städtische Auge vielleicht als Unordnung stört, ist natürlicher Lebensraum für Nashornkäfer, Rotkehlchen, Buntspecht, Wildbienen und die Gärtner, die seit 10 Jahren diesen Permakultur-Garten nach speziellen Richtlinien und Vorgaben bewirtschaften.

Und neue Perspektiven brauchte dieser Ort, an dem sich bis 2008 noch eine geschlossene Häuserzeile mit der Robert-Koch-Apotheke im Eckhaus befand, genau an der Stelle, wo sich heute der Eingang zum Palmgarten befindet. Damals begann der "Stadtumbau Ost” mit dem Abriss von leerstehenden Gründerzeithäusern, deren Sanierung für die kommunale Wohnungsgesellschaft zu teuer war. Die nächsten 7 Jahre verbrachte die 1.300 qm große Fläche im Dornröschenschlaf, begleitet von illegalen Müllablagerungen.

Babett Pötzsch wohnte auf der Reinhardtstraße und sah das Potential der Wiese. Sie hatte 2016 ihren Bundesfreiwilligendienst auf einem Bauernhof absolviert und betreute dort die Schulklassen im “Lernort Bauernhof”. Die Lehrer beklagten sich, dass es keine Schulgarten-Angebote in der Stadt gab und die Anreise zu weit war. Und somit war die Idee geboren: Inmitten der Stadt ein Lernangebot für bio-dynamischen Lebensmittel Anbau zu schaffen, ohne Einsatz von Pestiziden, ohne das Bodenleben zu zerstören dafür mit natürlichen Düngemitteln und Humusaufbau die Erde wieder zu beleben.

Sie meldete sich für das zweijährige Studium an der Permakultur-Akademie an, sprach mit dem Stadtplanungsamt der Stadt Chemnitz, schrieb einen Fördermittelantrag im Rahmen des Unesco Weltaktionsprogrammes Bildung für nachhaltige Entwicklung. Für den zukünftigen Garten entwarf sie ein Design nach permakulturellen Vorgaben, gründete den Trägerverein “Keimzelle - permakulturelles Stadtgrün e.V.”, schrieb das Konzept für eine zweijährige Förderung über den Europäischen Strukturfonds, suchte Mitarbeiter und Kooperationspartner, schloss einen Pachtvertrg für das Grundstück mit der GGG ab und startete am 16.7.2018 nach zwei Jahren ehrenamtlicher Arbeit das Projekt “Permakultur-Lehrgarten Palmgarten” auf der nun umzäunten und ausgestatteten Wiese.

Von 2018 bis 2020 besuchten über 1.500 Menschen den Palmgarten beispielsweise zum offenen Garten jeden Mittwoch, bei dem Nachbarn und Interessierte gemeinsames permakulturelles Gärtnern lernten oder sich bei “Chill und Grill” am Lagerfeuer labten. Das Projekt “Klassenzimmer im Freien” richtete sich an Schulklassen und Gruppen von Kindern, die gemeinsam geerntetes Gemüse geschnippelt und zu Suppen gekocht haben. Die Gruppe “Gartenkinder” aus einem Kindergarten legten zusammen Kartoffel- und Tomate-Beete an, kochten Eintöpfe und Holundergelee und unterhielten sich darüber, woher ihre Tomaten sonst kommen. Zwei Gartenprojekte in Chemnitz erhielten Wochenend-Grundkurse in Permakultur. Zu den jährlichen Erntedankfesten kamen über 500 Besucher in den Palmgarten, die bis in die frühen Morgenstunden bei Eintopf, Lagerfeuer, Lichtinstallationen an der Häuserwand und Roots Dub von den Community Rockers verweilten.

Trotz des großen Erfolges und überstandener Isolation durch die Pandemie wurde die Förderung für den Garten durch die Stadt nicht weitergeführt, da neue Brachflächen direkt neben dem Palmgarten entwickelt wurden. Das war ein herber Rückschlag für alle Beteiligten. Ein neuer Vorstand und neue Mitglieder formten daraufhin den Palmgarten als offenen Bürgergarten, der seine Beete im Mandalabeet vermietete und so das Fortbestehen des Palmgartens sicherstellen konnte. Seitdem besteht ein reges Vereinsleben mit täglichen Besuchern und unsere Gartengemeinschaft freut sich über neue Freunde am Lagerfeuer.

Wer an einer Führung oder einem Grundlagenkurs interessiert ist, kann uns gerne über unsere Facebookseite kontaktieren.

Chemnitz Grünt ist eine bürgerschaftlich getragene Initiative zur Förderung, Vernetzung & Entwicklung von Engagement für das Chemnitzer Stadtgrün. Dieser Artikel ist finanziert mit Spenden der Bürgerschaft

Text und Fotos: Babett Pötsch

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