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Endlich ist der Sommer da! Überall in Chemnitz summt und brummt es, Lachen liegt in der Luft, Wiesen werden mit Picknickdecken geschmückt und der Schlossteich-Flamingo bekommt keine Pause mehr. Hach, wie ich das mag. Doch schau mal – was ist das für ein alter Kauz, der da mit seinen Einmachgläsern durch die Straßen zieht?
Sophia stieß gerade bei einer hausgemachten Limonade auf der Terrasse von Emmas Onkel an, als sie ihn zum ersten Mal sah. Einen älteren Herrn, aber noch rüstig. Er war hoch gewachsen, aber ging gebeugt. Über seiner rechten Schulter hing ein Beutel mit einem Supermarkt-Logo darauf, in der Hand hielt er ein Einmachglas. Sophia dachte an einen Pfandsammler. Es machte sie immer traurig, wenn alte Menschen mit ihren steifen Gelenken und schwachen Hüften darauf angewiesen waren, leere Flaschen einzusammeln. Aber warum das Einmachglas?, überlegte sie.
Als der Alte sich zu ihnen drehte, lächelte er sanft. Er schien den Anblick, die Geräusche, die Stimmung auf der Terrasse zu genießen. Wie sie da saßen mit ihrer leichten Kleidung und noch leichterer Stimmung, umgeben von Lichterketten und den letzten Sonnenstrahlen.
Der alte Mann richtete das Einmachglas auf die Terrasse und löste den Bügel. Er öffnete den Klappdeckel, sodass die Öffnung zu Sophia und den anderen Gästen zeigte. Ungefähr eine Minute lang stand er nur da, lächelte zufrieden und lauschte in den Sommerabend. Dann klappte er den Deckel zu und verschloss ihn. Er verstaute das Glas in seinem Beutel, nahm ein neues heraus und ging weiter, hinein in die Abenddämmerung, der untergehenden Sonne entgegen.
In den kommenden Tagen musste Sophia immer wieder an den alten Mann denken. Was hatte sie da gesehen? Als sie sich am Wochenende mit ihren Freunden für ein Picknick auf der Küchwaldwiese traf, kam der Alte wieder: Wieder mit seinem Beutel, mit den Gläsern und mit einem Lächeln. Alles wiederholte sich – nur dass Sophia ihm diesmal folgte.
Zuerst kamen sie am Küchwaldspielplatz vorbei, Kinder spielten und lachten hier – der Alte öffnete und schloss ein Einmachglas. Sie gingen durch den Botanischen Garten, in dem Familien spazierten und Väter sich im Erklären versuchten – wieder ging ein Glas auf und zu.
Sie schlenderten durch den Crimmitschauer Wald – auf und zu.
Sophia folgte ihm mit einigem Abstand, doch er schien sie nicht zu bemerken. Zuletzt ging der Alte ins Klinikum auf der Flemmingstraße. Sophia zögerte, ob sie ihm folgen sollte – doch ihre Neugier war groß und so folgte sie ihm durch die Drehtür. Erst sah sie ihn nicht, bis der alte Mann sie an der Schulter berührte. Er nickte in Richtung des Fahrstuhls und ging los – Sophia hinterher. Ob das wirklich eine gute Idee gewesen ist, mit ihm in den Fahrstuhl zu steigen?
Sophia achtete nicht darauf, in welchem Stockwerk sie anhielten. Der Alte stieg aus, die Gläser klapperten in seinem Beutel. Er ging den Stationsflur entlang und stellte sich vor eines der Patientenzimmer. Sophia wollte sich schon umdrehen, denn sie hatte das Gefühl, zu weit gegangen zu sein, als der alte Mann sie zu sich winkte und das Zimmer betrat.
Darin lag eine alte Frau, angeschlossen an viele Geräte. Sie hatte die Augen geschlossen, ihr Gesicht zeigte keine Regung. Sie schien ihn, vermutlich ihren Mann, nicht zu bemerken. Er setzte sich neben sie auf einen Stuhl und holte ein Glas aus dem Beutel. Er betrachtete es, als wäre es eine gute Flasche Wein. Dann nickte er und öffnete es. Für einen Moment war der Raum erfüllt: Vom Geruch der Küchwaldwiese, vom Klingeln der Parkeisenbahn und von warmen Sommerstrahlen. Als der Moment vorüber war, griff er sanft nach der Hand seiner Frau und erzählte ihr flüsternd davon, so als hätten sie alles gemeinsam gesehen, gefühlt, gerochen und erlebt. Nur kurz zuckte ein Mundwinkel der Frau und Sophia sah eine glitzernde Träne ihre Wange herunterlaufen.
Ein Märchen von Marcus Lehmann