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Die Gleichgültigkeit des Seins

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Die Stadt Chemnitz hat mit Juri Andruchowytsch den Preisträger des diesjährigen Stefan-Heym-Preises ausgezeichnet. Viele Gäste mit denen wir sprachen, wussten ebenso wie ich vorab nicht, warum genau wir als Stadt diesen Schriftsteller würdigen. Aber immerhin gab es Schnittchen. Und gesehen zu werden gehört ja irgendwie zum guten. Ton Eine Kolumne.

“1515. Fünfzehn Fünfzehn. Eintausendfünfhundertfünfzehn. Soviele Tage sind seit der vollumfänglichen Invasion Russlands in die Ukraine vergangen. In dieser Zeit sind Kinder geboren worden und wieder gestorben. Kinder, die in ihrem kurzen Leben nichts anderes kannten als diesen Krieg.“

So begann Juri Andruchowytsch seine Rede. Ich fühle mich direkt wieder daran erinnert, wie viele Menschen gerade für Demokratie und Freiheit kämpfen, während ich auf einem kleinen Klappstuhl sitze, eng aneinandergereiht mit anderen Gästen, die passiv der Preisverleihung lauschen und gelegentlich den höflich-offiziellen, aber irgendwie doch halbherzig klingenden, Applaus zwischen den Reden anstimmen.

Bei diesen Worten hört man genauer hin. Etwas verschiebt sich. Man fühlt sich angesprochen, an die eigene Menschlichkeit appelliert. Zum ersten Mal an diesem Abend denke ich nicht mehr an die belegten Schnittchen und werde nachdenklich.

Warum schockt dieses Zitat uns immer noch so sehr, obwohl inzwischen fast jeder von uns Menschen kennt, die von diesem furchtbaren Krieg direkt betroffen waren? Welchen Mehrwert hat eine derartige Preisverleihung, die von 300 eingeladenen Personen im Anzug oder Rock besucht wird, aber nur eine handvoll “normale” Bürger:innen interessiert, die sich für diese Veranstaltung angemeldet haben? Einfach: Warum das alles?

Für unsere Themen suchen wir immer nach erzählenswerten Geschichten, Projekten und Menschen. Der folgende Auszug der Lobrede zur Verleihung von Katharina Raabe, Lektorin des Suhrkamp-Verlages, war für mich einer dieser erzählenswerten und erklärenden Momente.

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[...] Der 2003 erschienene Essayband “Das letzte Territorium” von Juri Andruchowytsch und das mit Andrzej Stasiuk verfasste Buch Mein Europa waren Augenöffner, nicht nur für mich: Die seit 1991 unabhängige Ukraine, der größte der sowjetischen Nachfolgestaaten, ein riesiges, heterogenes Land voller Korruption, Kleptokratie und Clankriminalität, reich an historischen Erbschaften aus drei Imperien, an Sprachen und Ethnien, gezeichnet von Holocaust, Massenmorden, Vertreibungsaktionen, nun, so die Hoffnung, einer Generation anvertraut, die bereit war, in die Zukunft aufzubrechen, Tabuisiertes zur Sprache zu bringen, zerrissene mitteleuropäische Fäden zusammenzuknüpfen, Traditionsbestände zu aktualisieren. Diese Essays, die im Reisegepäck und auf den Schreibtischen der außenpolitischen Berater landeten, sorgten dafür, dass eine zu Mauerzeiten ignorierte europäische Region auf die mentale Landkarte zurückkehrte.

Wen interessierte vorher schon, dass dort, weit hinter Polen, ein neuer Staat entstand? Wer hatte jemals ein ukrainisches Buch gelesen? Geschweige denn eine Vorstellung davon, dass die Sprache gerade dabei war, sich, wie das ganze Land, neu zu erfinden, unter Mitwirkung junger psychedelischer Dichter, die nicht nur dem sozialistischen Realismus, sondern auch der in der Emigration gehüteten und heiliggesprochenen ukrainischen Nationalliteratur eine Nase drehten?

Das letzte Territorium, Mein Europa, Zwölf Ringe – seine Bücher waren ein Paukenschlag: mit euphorischen Kritiken bedacht, rückten sie nicht nur den Autor, sondern sein Land in den Fokus. Hätte es einen besseren Botschafter als Juri Andruchowytsch geben können? Er sprach ein knackiges Deutsch, war charmant und lustig. Immer, wenn in der Ukraine etwas geschah, war fortan er für Erklärungen zuständig. Eine lästige Pflicht – Sympathieträger gern, Geschäftsträger bitte nicht. Dennoch verweigerte er sich nie. Ahnte er, dass er, vielmehr die ukrainische Gesellschaft, unsere Sympathie und Teilnahme einmal brauchen könnte?

Während in Berlin im Herbst 2004 am Übersetzungslektorat der Zwölf Ringe gearbeitet wurde, bahnte sich in der Ukraine ein schmutziger Wahlkampf an. Mit tatkräftiger Einmischung Moskaus, respektive der Regierung Putins, wurde alles getan, um den Kandidaten der Opposition zu verhindern, bis zum Dioxinanschlag – sein zerstörtes Gesicht, Sie erinnern sich.

„Wir sind uns bewusst, dass wir noch zwei Wochen in Freiheit leben“, erklärte mir Andruchowytsch am Telefon. Wie er es schaffte, in dieser Atmosphäre, während seiner vielen Reisen und Auftritte im Land, geduldig unsere Fragen nach Banditenslang und verkappten Antonytsch-Zitaten zu beantworten, weiß ich nicht. „Morgen“, so hieß es in einem Offenen Brief, den er mit Kollegen für die ausländische Presse verfasst hatte, „morgen wird sich die Ukraine in ein schwarzes Loch in der Mitte Europas verwandeln, wo man straflos einen Präsidentschaftskandidaten vergiften, Journalisten ermorden und das ganze Volk in Unterdrückung, Apathie und Hoffnungslosigkeit halten kann.“

Er bat die Europäer hinzuschauen – zu verstehen, dass die ukrainische Gesellschaft um ihre Freiheit kämpfte. [...]

Beim dritten Anlauf, sich von einem korrupten Regime zu befreien, im Winter 2013/14, war es mit dem Lachen und dem Karneval vorbei. Andruchowytsch war mit einem Wandertheater unterwegs, ein eigenes Stück im Gepäck: Teilnehmer und Chronist der später so genannten „Revolution der Würde“. Zeuge von Gewalt und Tod auf dem Maidan. Mit dem Machtwechsel in Kiew, der Flucht des verhassten Präsidenten Janukowytsch außer Landes, begann ein von Moskau orchestrierter Bürgerkrieg im Donbas. [...]

„Behalten Sie uns alle in Erinnerung“, schloss er seine Rede auf der „Buch Wien“ im November 2014: „Wir waren allein und haben nicht nur unsere eigene égaliberté verteidigt, sondern auch Ihre. Verzeihen Sie – ohne es zu wollen, sind wir zu Ihrem schlechten Gewissen geworden.“

Im Februar 2022 startete Russland die Vollinvasion. Am Abend des 24. schrieb er mir zurück – und seine Reaktion war an Lakonie nicht zu überbieten: „Tja, jetzt hat es begonnen.“

Auch in jenen Tagen saßen wir wieder mit Sabine Stöhr am Übersetzungslektorat eines Werkes von Juri Andruchowytsch. „Radio Nacht“, 2021 im Original erschienen. Ein Künstlerroman, wie seine Vorgänger Zwölf Ringe und Perversion. Ein Zeitroman über eine gescheiterte Revolution in einem namenlosen osteuropäischen Land. Der Held, der Barrikadenpianist Josip Rotsky, hat den „vorletzten Diktator Europas“ umgebracht und ist auf der Flucht. Niemand weiß, wo er sich befindet – auf einer Gefängnisinsel? Auf dem Null Meridian? Seine Stimme schwebt im Äther. Eine Nacht hindurch erzählt der alternde Rockstar aus seinem abenteuerlichen Leben, am Ende jeder Radiostunde spielt er ein Lieblingsstück. [...}

Sisyphos gibt nicht auf, aber als glücklichen Menschen soll man ihn sich nicht vorstellen.

[...] Angesichts der verzweifelten Hellsichtigkeit, mit der Andruchowytsch viele von uns angesteckt hat, wird uns in aller Illusionslosigkeit bewusst, wie begrenzt die Möglichkeit eines Schriftstellers ist. Das Wort als Waffe gehört heute den Mächtigen, die den Befehl geben, andere Länder zu überfallen.

Auch wenn der Satz „im Krieg schweigen die Musen“ für die ukrainische Gegenwartsliteratur nicht gilt: Literatur, Kunst, Musik vermögen es nicht, Regierungen von ihrem Kurs abzubringen. Diktatoren bringt man nicht dazu, über sich selbst zu lachen.

Andruchowytschs Erfolg ist ein anderer: Er hat Freundschaften gestiftet, Festivals kuratiert, Akademien und Diskussionsforen in die Ukraine geholt und umgekehrt dafür gesorgt, dass die ukrainische Literaturszene, die begabtesten jungen Kollegen im Ausland wahrgenommen werden. In der Folge der orangen Revolution kam die orange Welle musikalisch, literarisch, theatralisch auch bei uns an - nicht mehr zu ignorieren. Als der in Europa nicht mehr vorstellbare große Landkrieg begann, in der schwarzen Welle, wurden sie endlich gelesen.

[...] Er hat die Phantasie an die Macht gebracht. Dafür danke ich Dir, lieber Juri. Und Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

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Jetzt ist Fünfzehn Achtzehn. Was bleibt an Tag 1518 der russischen Invasion in der Ukraine? Die Schnittchen der Preisverleihung sind längst verdaut und der “Bücher-die-ich-noch-lesen-muss”-Stapel in meinem Bücherregal ist um ein weiteres Buch gewachsen. Die Anzüge hängen wieder sauber aufgereiht im Schrank und die hunderte Gäste der Preisverleihung beschäftigen sich mit den nächsten großen Problemen unserer Welt. Weitere Reden, weitere Themen die am jeweiligen Tag den Mittelpunkt des Tagesdiskurses darstellen. Das neue Konzept für Sportstättennutzung der Stadt Chemnitz. Die nächste Veranstaltung die geplant werden muss. Weitere Kulturkürzungen. Abbau des denkmalgeschützten Schauspielhauses. Die nächste 371-Heftwoche. Unsere Gedanken drehen sich weiter, während das Leben in der Ukraine scheinbar stillsteht. Seit 1518 Tagen.

Da ist er also, der Grund für das alles. Eine Stadt, die sich freut, dass sie bekannte Menschen einladen kann. Ein Bürgermeister, der Hände schütteln darf. Aber auch Gedanken. Inspiration. Reflektion. Erinnerung. Mein Verständnis, dass wir diesen Autor auch für uns auszeichnen. Dankbarkeit für einen Stefan-Heym-Preis oder auch das kürzlich verliehene Literaturstipendium für Judith Kuckart und Burkhard Peter, welche diese Sichtbarkeit ermöglichen. Dass wir stolz darauf sein können, dass wir als Stadt einer Stimme wie Juri Andruchowytsch eine Platform geben und die Hoffnung, dass ein Werk von Juri Andruchowytsch vielleicht auch das erste Buch eines ukrainischen Schriftstellers in eurem Bücherregal sein wird. Auf die Hoffnung, dass weitere folgen werden.

Text: Marco Henkel | Fotos: Stadt Chemnitz/Kristin Schmidt

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