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Jörg Stingl ist Chemnitzer, Abenteurer und der erste Deutsche, der die Seven Summits, also die höchsten Berge aller Kontinente, ohne Sauerstoff bestiegen hat. Bevor er auf die Gipfel der Welt aufbrach, trat er schon als Leistungsschwimmer für die DDR bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau an. 371-Redakteurin Ottilie Wied hat sich mit dem sportlichen Supertalent getroffen und mehr über seine Leidenschaft für die unbekannten Höhen erfahren.
371: Sie sind der erste Deutsche, der die Seven Summits ohne Sauerstoff bestiegen hat. Wie fing das bei dir an?
Jörg Stingl:
Das war eigentlich gar kein klarer Plan am Anfang. Ich bin da eher hineingewachsen. In den 80ern und 90ern sind wir in unterschiedlichen Teams unterwegs gewesen. Anfangs auf die großen Berge Osteuropas, später nach der Wende in alle Welt. Irgendwann kam dann natürlich der Wunsch auf, einmal einen Achttausender zu besteigen. 1994 waren einige von uns das erste Mal in Tibet, am Shishapangma. Zwei Jahre später stand der Everest auf dem Plan. Wir haben damals wirklich alles zu Geld gemacht, was ging, um uns diese Expedition leisten zu können. Heißt, es wurden Autos verkauft, Sponsoren gesucht, sogar bei der Oma angeklopft. 2001 war es dann tatsächlich so weit und als wir auf dem Gipfel des Everest standen, war der schwierigste Teil der Seven Summits geschafft, oder zumindest der höchste. Danach war der Weg zu den übrigen sechs eigentlich offen.
371: Warum haben Sie sich entschieden, die Berge ohne Sauerstoff zu besteigen?
Jörg Stingl:
Zum einen war es eine sportliche Frage: Ohne Sauerstoff ist es einfach die größere Herausforderung. Zum anderen ist es auch eine Haltungssache. Viele steigen mit zusätzlichem Sauerstoff auf, was legitim ist, aber den Berg im übertragenen Sinn niedriger macht. Wir wollten es ehrlich schaffen, mit dem, was der Körper leisten kann. Ein weiterer Punkt: Ohne Sauerstoff bist du sicherer, weil du akklimatisiert bist. Wenn jemand mit Flasche aufsteigt und ihm der Sauerstoff ausgeht, kann das lebensgefährlich werden. Wenn du aber ohne Sauerstoff unterwegs bist, bist du in der Höhe, in der du gerade bist, auch wirklich angekommen.
371: Bergsteigen bedeutet auch Risiko. Haben Sie Situationen erlebt, in denen es wirklich knapp war?
Jörg Stingl:
Natürlich. Wenn du so viele Jahre unterwegs bist, kommst du um solche Momente nicht herum. Wir haben auch Menschen verloren und das sind Erlebnisse, die dich prägen. In solchen Momenten fragst du dich immer: Was ist schiefgelaufen? Hätten wir etwas anders machen können?
Man muss lernen, das zu verarbeiten und weiterzugehen. Viele steigen danach gar nicht mehr in die Berge. Für mich war es immer wichtig, die Fehler zu verstehen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Und vielleicht auch in Erinnerung an die, die nicht zurückgekommen sind, weiterzumachen. Das ist die große Kunst am Bergsteigen: es zu überleben.
371: Kann man sich in Chemnitz und Umgebung überhaupt auf einen Berg wie den Mount Everest vorbereiten?
Jörg Stingl:
Chemnitz ist in dieser Hinsicht eine unterschätzte Stadt. Ich wohne am Stadtrand, direkt am Erzgebirge, und kann quasi hinter dem Haus mit dem Mountainbike losfahren oder im Winter auf die Skier steigen. Früher konnte ich sogar noch Langlaufspuren direkt übers Feld legen. Von hier aus ist man auch schnell an den Greifensteinen zum Klettern. Und das ist eigentlich das Entscheidende: Du kannst regelmäßig draußen sein, ohne stundenlang irgendwo hinfahren zu müssen. Viele müssen dafür ins Fitnessstudio, ich gehe einfach vor die Tür. Das ist schon Luxus.
371: Was treibt dich immer wieder an, loszuziehen?
Jörg Stingl:
Expeditionen bedeuten für mich, dorthin zu gehen, wo kaum jemand hingeht. Also in Regionen, die abgelegen, schwierig, manchmal auch gefährlich sind. Dennoch ist auch der Gipfel das Ziel. Ist auch einfach ein schöneres Gefühl, nach drei Monaten Expedition zurückzukehren, mit dem Wissen, auf dem Gipfel gewesen zu sein.
Man kommt in Gegenden, in denen es nichts gibt – keine Straßen, keine Infrastruktur, oft nicht einmal Karten, auf die man sich verlassen kann. Aber dieses ‚Nichts‘ ist unglaublich viel. Es zwingt dich, achtsam zu sein, jeden Schritt bewusst zu setzen, dich auf dein Team und auf dich selbst zu verlassen. Und du begegnest dort Menschen, die noch sehr ursprünglich leben, die vielleicht materiell fast nichts besitzen, aber trotzdem bereit sind, dieses wenige mit uns Fremden zu teilen. Das fehlt häufig sehr in unserer westlich geprägten Welt.
371: Was machst du, wenn du mal nicht auf Expedition bist?
Jörg Stingl:
Ich bin trotzdem viel in Bewegung. Ich brauche Bewegung. Ich fahre viel Mountainbike, gehe laufen oder im Winter Skifahren. Außerdem halte ich viele Vorträge über meine Expeditionen. Das ist inzwischen ein wichtiger Teil meines Lebens geworden.
Und dann gibt es da noch ein Herzensprojekt, den Inselman. Das ist ein Projekt mit ehemaligen Schwimmern, bei der wir mehrere Insel in einer Art Triathlon bewältigen. Wir haben das schon in der Ostsee gemacht, von Rügen über Hiddensee bis nach Zingst, und auch in der Nordsee. Nächstes Jahr soll es dann mit dem Inselman auf die Malediven gehen.“
Text: Ottilie Wied | Foto: Jörg Stingl