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Ein Rendezvous mit der Vergangenheit

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Julius Sommerfeld war Chemnitzer Tuchhändler. Vater. Geschäftsmann. Jude. Deutscher. Verwurzelt in Chemnitz, das 1930 von Textil, Handel und Industrie lebt. Er zieht den Mantel an, nimmt die Schlüssel vom Haken und geht hinunter in sein Geschäft “Tuche Julius Sommerfeld” am Antonplatz 15.

Unten Tuchwaren, oben Familie, dazwischen Alltag. Kundschaft kommt, Stoffe werden ausgerollt, zwischen den Fingern geprüft, gegen das Licht gehalten. Ein Mantelstoff, ein Anzug, vielleicht etwas für einen besonderen Anlass. Ein ganz normaler Morgen im sächsischen Manchester.

Kurze Zeit später folgte die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und ein beispielloser Völkermord, bei dem sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Zum Schutz brachte Julius seinen Sohn erst in die Schweiz und später nach Palästina. Er rettete seine Familie und kehrte selbst nach Chemnitz zurück. Sein Haus am Antonplatz wurde enteignet und zu einem der sogenannten jüdischen Altenheime gemacht, welche von den Nationalsozialisten als “Sammellager” für jüdische Bürger benutzt wurden, bevor diese in die Vernichtungslager deportiert wurden. Im November 1939 wurde auch Julius Sommerfeld verhaftet, nach Sachsenhausen verschleppt und dort am 16. März 1940 ermordet.

85 Jahre später ist das Nazi-Regime Geschichte, aber Julius hat wieder zurück in “sein” Chemnitz gefunden. Ein paar Straßen hinter dem Antonplatz, vor dem smac, hat seine Enkelin Nirit einen lebensgroßen Aufsteller aufgestellt: “Und dann bin ich jeden Tag hergefahren und dachte: Da steht er wieder, das ist unfassbar. Das hat mir echt die Tränen in die Augen getrieben, weil er mit Schimpf und Schande verjagt worden ist und jetzt wieder einen Platz hier hat - einen richtigen Platz.“

Nirit ist die erste Nachfahrin eines aus Chemnitz vertriebenen Juden, die den Schritt zurück nach Chemnitz gegangen ist. Anfang der 1990er-Jahre kämpfte ihre Mutter darum, das 220m² große Grundstück direkt an der Parkplatzfläche hinter der Theater-Administration zurückzubekommen, was ihr schlussendlich auch gelang. Dort stand einst Julius’ Wohn- und Geschäftshaus. Nirit will aus diesem Ort einen Gedenk- und Lernort machen, damit Geschichte nicht vergessen wird.

Das Café Julius war dagegen zuerst gar nicht geplant. Nirit Sommerfeld war nach Chemnitz gekommen, weil sie aus dem Grundstück am Antonplatz etwas machen wollte: einen Ort für Erinnerung, Kunst, Kultur und Ausgrabungen, bei denen man der Geschichte buchstäblich auf den Grund geht. Sie traf Menschen im smac, sprach mit einer Archäologin, kochte nebenbei für Freunde, bis sie die Direktorin eines Tages ansprach: „Ich habe gehört, Sie wollen hier ein Café eröffnen.“ Sommerfeld widersprach erst einmal. Nein, sie sei doch nach Chemnitz gekommen, um Kunst und Kultur zu machen. Die Antwort war schlicht und ziemlich überzeugend: „Gutes Essen und guter Kaffee, das ist doch Kultur.“

Heute ist das Café Julius Realität und hat seinen festen Platz im Erdgeschoss des smac eingenommen. Es gibt mediterran-levantinische Küche, Suppe, Pasta, Salat, Hummus, marokkanische Teigtaschen, Kuchen, Torten, Baklawa. Vieles frisch, saisonal und regional gedacht, aber mit Gewürzen und Einflüssen, die weiter reichen als bis zur Stadtgrenze. Im Sommer öffnet sich das Ganze bei gutem Wetter auch in den Hinterhof, mit längeren Abenden, Drinks und Snacks. Wie Nirit so schön sagt, Chemnitz ist zwar nicht Wien, aber die Menschen machen es sich dann eben dennoch chemnitzschön.

Donnerstags bleibt das Café länger offen. Dann wird gelesen, diskutiert, musiziert, gestritten und gefragt. Besonders sichtbar wird das in der Reihe „Tacheles – Gespräche auf dem Goldenen Sofa“. Auf diesem “Goldenen Sofa” sitzen Gäste aus Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft. Es geht um jüdisches Leben in Deutschland, um Erinnerung, um Gegenwart, um Israel und Palästina, um die Frage, wer in unserer Gesellschaft eigentlich sprechen und was eine jüdische Stimme sagen darf.

Nirit Sommerfeld kritisiert die Politik der israelischen Regierung deutlich und engagiert sich für Gerechtigkeit und Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Für sie steht das nicht im Widerspruch zu ihrem Jüdischsein. Eher im Gegenteil: Gerade weil sie biografisch, familiär, sprachlich und emotional mit Israel verbunden ist und ihr Land und Mitbürger:innen liebt, nimmt sie sich das Recht, über Gewalt, Besatzung, Palästina und deutsche Sprachlosigkeit zu sprechen. “Ich liebe mein Heimatland. Ich liebe das Wetter, die Menschen und das Meer, aber Menschenrechte stehen über all dem. Herr Netanyahu tut mit seinen Kommentaren und Angriffen auf unschuldige Kinder in Palästina so, als würde er stellvertretend für alle Juden und Jüdinnen sprechen und handeln und da muss ich sagen: Stopp, das geschieht definitiv nicht in meinem Namen.“

Beim Recherchieren und Schreiben dieses Artikels habe ich mir oft vorgestellt, wie Julius Sommerfeld vor 100 Jahren nur einige hundert Meter vom Café entfernt am Antonplatz seinen Laden öffnet und Kunden begrüßt; in einer Gesellschaft, die sich immer gewaltsamer gegen ihn wandte und in der er dennoch an seiner Würde und Hoffnung festhielt. Adrett gekleidet, mit Jacke auf dem Arm und der Wunsch nach einer Zukunft für seine Familie, die jetzt tatsächlich auch wieder ihren Weg nach Chemnitz gefunden hat.

So laden Julius und Nirit Sommerfeld ein zu Gesprächen über das Menschsein und wie wir mit Andenken an unsere Vergangenheit für unsere Gegenwart lernen können. Erinnerung und Gedankenanstöße für die kleinen und großen Fragen unserer Zeit finden sich hier in Gesprächen, Gerüchen, Geschmack und Stimmen. Und ja: ganz nebenbei schmeckt das Essen auch einfach unglaublich gut.

Text: Marco Henkel

Fotos: Privatsammlung Nirit Sommerfeld

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