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Kristin Eubling und ihr Team aus Zukunftskurator:innen werden im Projekt „enter - Junge Kulturregion“ in den nächsten 3 Jahren unsere Stadt maßgeblich mitgestalten. Wir haben für euch mal genauer nachgefragt, worum es bei diesem Projekt gehen wird, das einige Impulse des Kulturhauptstadtjahres am Leben halten will und was das nachhaltig in Chemnitz verändern kann.
Das Gelände der ehemaligen Gläss-Fabrik neben dem Südbahnhof ist längst mehr als nur ein leerstehendes Relikt unserer regionalen Industriegeschichte. Nach der Wende blieb es, wie so viele Orte in Chemnitz, erstmal einfach mit offenen Türen und leeren Hallen stehen. Und genau diese Zwischenräume haben sich Chemnitzer:innen selbst angeeignet.
Schrauber, Bastler:innen, Künstler:innen und kleine Selbstständige nutzen die Hallen seitdem als improvisierte Werkstätten, Garagen oder Lagerräume. Über die Jahre entstand so eine lose Gemeinschaft von Menschen, die hier arbeiten, reparieren, experimentieren oder einfach einen Raum gefunden haben, den sie für sich ausbauen konnten.
Viele der heutigen Nutzer:innen sind schon seit langem hier und haben ihre Werkstätten seit 20 Jahren aufgebaut. Man findet auf diesem Gelände auch das frei zugängliche “Habitat an der Glässfabrik”, welches mit seiner Artenvielfalt ein kleines Naturschutz-Kleinod im Großstadtbeton-Alltag darstellt. Trotzdem bekommt man von dieser Gemeinschaft nur wenig mit, da sie ausschließlich durch einen unscheinbaren, eher abweisenden Weg neben dem Südbahnhof betreten werden kann. Erkundet man das Areal, beschleicht einen immer noch das ungute Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, auch wenn ein Erkunden dieses Ortes ausdrücklich erwünscht ist.
Die Wände rund um die Fabrik sind mit Graffiti überzogen, Tags und Pieces liegen übereinander und Farbschichten aus verschiedenen Jahrzehnten erzählen ihre eigenen Geschichten. Was für manche nur wie wildes Chaos aussieht, wirkt für andere wie eine offene Galerie und Einladung: ein Ort, an dem ausprobiert werden kann und an dem sichtbar wird, dass diese Fläche nie wirklich stillgestanden hat.
Genau hier soll mit dem Urban Art Space mehr Offenheit und Zugang entstehen - ein Ort zum Sein, für junge Menschen und eine Einladung, diesen Ort gemeinsam weiterzudenken. Die hiesigen Werkstattbetreibenden haben in den letzten 25 Jahren hier schon Vieles erlebt, von Mietern, die den gesamten Hof mit Kühlschränken vollstapeln, bis hin zu belebten Veranstaltungen, aber geblieben sind bisher nur sie selbst.
“enter - Junge Kulturregionen” ist ein Projekt, welches nun genau diese ungenutzten Möglichkeiten in Chemnitz sucht und Akteure miteinander vernetzen will, um die Potentiale von solchen Orten zu verwirklichen. Kristin Eubling, Programmleitung von „enter“ erklärt uns das genauer: „Wir verstehen “enter” als Beitrag zur Zukunft der Stadt“. Das von der Kulturstiftung des Bundes bis Ende 2028 geförderte Modellprogramm will neue Perspektiven für junge Menschen in Chemnitz schaffen. In einer langen Analysephase sprach das Team mit Jugendlichen, Initiativen und Kulturträgern der Stadt und ein Thema kam dabei immer wieder auf: Raum. „Das Paradoxe an Chemnitz ist ja: Es gibt unglaublich viel Platz. Aber trotzdem fehlt vielen jungen Menschen ein Ort, an dem sie wirklich etwas ausprobieren können.“
Die Antwort darauf sind 15 Projekte, die in den kommenden Jahren entstehen sollen - von Musik über Urban Sports bis hin zu inklusiven Kulturformaten. Entscheidend ist dabei nicht nur das Angebot selbst, sondern die Begegnung zwischen unterschiedlichen Gruppen und Szenen. Enter versteht sich dabei bewusst als Anschub: „Wir können Dinge sichtbar machen und unterstützen“, sagt Eubling. „Aber langfristig müssen Stadt und Lokalakteure diese Projekte selbst weitertragen, weshalb wir in jedem Projekt mit Kooperationspartner:innen arbeiten, welche diese Impulse übernehmen und weiterentwickeln können.”
Eines dieser 15 Projekte, welches jetzt schon in den Startlöchern steht, ist der bereits angesprochene Urban Art Space, der all diese Aspekte miteinander verbindet. Ein offener Raum, der nicht fertig geplant übergeben wird, sondern gemeinsam mit der Szene entstehen soll. Workshops, gemeinsame Begehungen und kooperative Bauaktionen sollen dazu führen, dass sich junge Künstler:innen, Interessierte und Initiativen den Ort Schritt für Schritt ausgestalten. In den bisherigen Interviews und gemeinsamen Gesprächen wurde daher die Idee geboren, einen weiteren öffentlichen Raum zu gestalten, der als Treffpunkt und zum Ausprobieren genutzt werden kann.
Erste Ideen zur Ausgestaltung zeichnen sich bereits ab: Flächen, die legal und dauerhaft für Graffiti genutzt werden können, ohne dass sie nach kurzer Zeit wieder überstrichen oder entfernt werden. Bereiche, in denen Workshops stattfinden können, mit simplen Überdachungen oder improvisierten Sitzmöglichkeiten oder auch ein Ort, an dem man sich einfach treffen kann oder der niedrigschwellig Möglichkeiten für Veranstaltungen bietet. Nichts muss, alles kann.
Das Konzept dieses Spaces wird dann ab dem 4. April mit allen Interessierten besprochen. 10 Uhr geht es los und jeder ist herzlich eingeladen, der gemeinsamen Begehung des Ortes beizuwohnen, Eindrücke zu sammeln und dann zusammen eine Vision zu entwickeln, was dieser Ort werden kann. Wir sind auf jeden Fall gespannt, welchen Fußabdruck die enter-Projekte in Chemnitz hinterlassen werden, vielleicht ja auch einfach für ein besseres Miteinander und etwas mehr Weltoffenheit.
Text und Fotos: Marco Henkel