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Gegen das Graswachsen

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Gegen das Graswachsen: Filmischer Rundgang durch ein NSU-Gebiet

Wir - Chemnitzer*innen und Zugezogene haben alle das "Heckert" im Hinterkopf. Diesen berüchtigten Plattenbaumoloch, der zur Entstehungszeit modernsten Wohnraum bot und, so hört man, in den 90ern zwischen Abwanderung und Neonazis versumpfte. Wer heute durch den Chemnitzer Stadtteil Hutholz läuft sieht dort ein grünes, durchsaniertes Wohngebiet mit sich sehr ähnlichen, sehr eckigen Häuserblöcken - selten mehr. Über Vieles ist im Wahrsten Sinne nach dem Rückbau Gras gewachsen. Worüber aber kein Gras wachsen darf, ist die Erinnerung daran, dass hier der selbsternannte Nationalsozialistische Untergrund, Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe, hier in einer von mehreren Neonazi-WGs lebten, ihre Szene, ihren Unterschlupf fanden. Darum begab sich die Chemnitzer Filmwerkstatt in einem Jugendprojekt auf die Suche nach den Spuren des Terror-Netzwerks im ehemaligen Wohngebiet Fritz-Heckert, um sichtbar zu machen, was unsagbar ist.

Das Projekt entstand aus dem Projekt "Offener Prozess" des ASA-FF heraus, der auch bei der Recherche half. Mit 14 Teilnehmer*innen zwischen 16 und 26 Jahren machte sich die Filmwerkstatt über mehrere Monate daran, Hintergründe über die lokalpolitischen und lokalhistorischen Vorgänge zu recherchieren und künstlerisch aufzuarbeiten. Herausgekommen sind vier kurze Filmbeiträge zwischen einer und vier Minuten Länge, die sich mit dem Umfeld um die Wolgograder Allee beschäftigen. Man sollte sie sich nicht zu Hause als Häppchen am Rechner anschauen. Denn zum Projekt gibt es einen Rundgang. Die App Actionbound führt darin mittels Wegbeschreibung über vier Stationen direkt zu den im Film besprochenen Orten, und rückt das räumlich und zeitlich vermeintlich Ferne plötzlich wieder auf bedrückende Weise nahe. So sei es auch den Projektmacher*innen ergangen, erzählt Sebastian Steger, der als Medienpädagoge in der Filmwerkstatt, das Projekt begleitete. Es sei nicht nur für die jungen Teilnehmer*innen ein krasses Aha-Erlebnis gewesen, zu erkennen, dass in diesem biederen, auch schönen und ruhigen Wohngebiet in der eigenen Stadt, so etwas passiert ist. Und doch, wenn man vor Ort ist, könne man es sich gut vorstellen, wie die Postfiliale in der Johannes-Dick-Straße so nah am Wald liegt, wie man nach dem Überfall schnell mit dem Fahrrad durch und in den Fluchtwagen kommt. In der nachgestellten Szene im Film, sieht es tatsächlich sehr einfach aus. Mit dem richtigen Umfeld, einem Nazi-Kiez, dem Jugendclub, der von der rechten Szene zur Rekrutierung missbraucht wird. Einfach. Zu einfach. Allein durch das Aufzeigen einer leicht zu ignorierenden Verbindung von Chemnitz heute und Taten damals, wird der Rundgang so wertvoll. Sebastian Steger sieht darin auch den Mehrwert für die Projektgruppe: "Wir haben gemerkt, dass die Arbeit an politischen Themen nicht nur Spaß macht, sondern auch Sinnvoll ist, um die Wahrnehmung zu schärfen."

Wer es ihnen gleichtun will, findet die Filme und den Link zum App-Rundgang unter filmwerkstatt.de

Text: Michael Chlebusch, Foto: Jörg Buschmann

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