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Tja. Das wird wohl das teuerste Foto werden, das je von mir geschossen wurde. Das liegt aber nicht daran, dass ich mal eben einen Starfotografen angeheuert oder mir ein spontanes Fotoshooting mit meinen Liebsten gegönnt habe. Nein. Ich wurde geblitzt. Und das zum ersten Mal in meinem Leben – und ich hoffe inständig, dass ich nicht geblinzelt habe.
Ich bin zugegeben gar nicht fotogen. Während sich andere im Urlaub am liebsten auf die Straße legen würden, um für das perfekte Foto mit dem Asphalt zu verschmelzen und es ihnen dabei herzlich egal ist, ob sie von anderen Leuten beobachtet werden, nehme ich mir vom imaginären Buffet neben der Ampel eine große Portion Fremdscham. Obwohl mir Fotos wichtig sind, fällt mir immer wieder auf, dass ich im Vergleich zu anderen Leuten unterwegs nur halb so viele Bilder mache wie sie – und schon gar nicht mit mir drauf, wo kommen wir denn da hin? Während eine Freundin von mir gezielt Leute für ein Foto anspricht, greife ich zu einer anderen Methode. Ich meine es wäre ja viel zu einfach jemanden nett nach einem Bild zu fragen. Ich wähle lieber die: Streck-den-Arm-schnell-in-die-Luft-und-drück-mehrfach-per-Zufallsprinzip-ab,-damit-auch-ja-keiner-merkt,-dass-man-ein-Foto-macht-Methode.
Dass ich fotoscheues Wesen jetzt aber auch noch unverhofft während der Fahrt fotografiert wurde, wobei ich im Moment der Aufnahme womöglich lauthals einen Liedtext mitgeschrien habe, passt mir garnicht. Und überhaupt, wer ist eigentlich die Person, die solch private Einblicke meines Lebens zu Gesicht bekommt?
Vielleicht sind mir meine eigenen Bilder auch einfach zu wichtig. Immerhin bin ich die Person, die, sobald sie den Satz „Lasst uns mal ein BeReal machen“ hört, weiß, dass sie in den nächsten paar Sekunden performen muss. Man hat nämlich nur einen Versuch bevor das Bild an so ziemlich alle coolen Kids der Stadt gesendet wird. Das schlimme daran ist aber, dass man genau dann wenn’s drauf ankommt, wie ein Opfer aussieht. Ich behaupte, dass es sich mit guten Schnappschüssen ähnlich wie mit hohen Lottogewinnen verhält - sie sind nicht unmöglich, aber extrem selten. Wenn man dann doch mal einen guten Moment von sich erwischt, ist meistens irgendjemand anderes unzufrieden. Kurzum: Alles reine Nervensache.
Dabei hat man gerade bei spontanen Bildern so viel Eigenverantwortung – die werden ja ab dem Moment der Aufnahme zu Zeitzeugen. Da muss man sich genau überlegen, wie man in wenigen Sekunden das meiste aus sich herausholt – hatte ich im Auto jetzt keine Gelegenheit. Ich meine irgendwann wird der Moment in meinem Leben kommen, in dem ich im Altersheim ein Foto von mir hochhalten soll, um vor den anderen 80-jährigen im Raum mein jüngeres ich groß anzupreisen. Und welches soll ich dann bitte nehmen? Auf den meisten Bildern zeige ich Peace in die Kamera oder präsentiere mein strahlendes Lächeln - mit geschlossenen Augen.
Eins steht fest: Bevor es so weit ist, muss ich noch oft an anderen Blitzern vorbeifahren - mein aktuelles Foto geht gar nicht. Auch die Kameraqualität ist miserabel. Für das viele Geld, was man bezahlen muss, sollte die Stadt da wirklich mal nachjustieren.
Text: Henni Henrion / Foto: Anonymer Blitzerautomat