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„Die Angst werde ich niemals vergessen“

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Emmanuel Doka* ist einer von Tausenden Chemnitzern mit dunkler Hautfarbe. 371-Autorin Paula Thomsen hat mit ihm über seine Rassismus-Erfahrungen in seiner Heimatstadt gesprochen.


Wann und wo bist du geboren?

Ich bin 2000 in Chemnitz ge boren. Meine Mutter kommt aus Kenia und mein Vater ist Deutscher.

Wie war deine Kindheit? Wurdest du ausgegrenzt oder anders behandelt?

Ich hatte eine sehr gute Kindergarten – und Schulzeit. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich auf Grund meiner Hautfarbe ausgegrenzt werde. Ich wurde von allen akzeptiert. Aufgewachsen bin ich auf dem Kaßberg und ging auch hier zur Schule. Wäre ich woanders aufgewachsen, hätte meine Kindheit sicher anders aussehen können..

Was sind deine Erfahrungen mit Rassismus in Chemnitz?

Was ich jetzt so im Alltag mitbekomme, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin oder auf dem Kaßberg spazieren gehe, ist, dass ich sehr penetrant beobachtet werde. Es gibt Leute, die auf mich zukommen und an mir vorbeilaufen, die mir dann mehrere Sekunden intensiv ins Gesicht schauen. Oftmals wird sich dann noch mal umgedreht und mir etwas hinterhergerufen. Sowas wie „Verpiss dich, du Ratte“ oder „Hör auf so hässlich zu gucken, du Assi“. Solche Sachen werden mir halt an den Kopf geworfen.
Manchmal weiß ich nicht wie ich mich fühlen oder reagieren soll. Ich frag mich selbst, ob ich wütend bin und mich verteidigen soll oder ob ich einfach weitergehe. Ich will diesen Leuten keine Plattform geben. Wenn du anfängst dich verbal zu wehren, hacken die immer weiter auf dir rum.
Klar gibt es manche Sachen, da kann man drüber stehen und geht einfach weiter aber dann gibt es solche Aussagen wie „Neger“, bei denen ich nicht ruhig bleiben kann. Ich sage dann so etwas wie „Halt die Klappe“, denn es ist ein menschenverachtendes Wort und es tut mir weh, wenn mich jemand so nennt.

Wurdest du je körperlich angegriffen?

Ja, bei Beleidigungen bleibt es leider nicht immer. Ich war glaube ich 15 und bin abends so 23 Uhr über den Hartmannplatz nach Hause gelaufen. Auf dem Weg begegnete ich drei Typen. Einer von ihnen ist aufgestanden und ziemlich nah, viel zu nah, an mein Gesicht gekommen und hat mich dann weggerempelt. Dabei fiel ich auf den Boden und die Männer begannen auf mich einzuschlagen und einzutreten. Ich hatte das Gefühl, dass ich sterben werde. Selbst jetzt beim erzählen beginne ich zu zittern. Ich dachte wirklich, dass mein Leben gleich vorbei sei. Zum Glück hörten sie dann doch irgendwann auf und ließen mich dort auf dem Boden liegen. Ich hatte eine Platzwunde und Prellungen. Zuhause habe ich gesagt, dass ich mit dem Fahrrad gestürzt bin oder so ähnlich. Meine Eltern wissen davon bis heute nichts. Wenn meine Mutter davon erfahren hätte, hätte sie mich nicht mehr vor die Tür gelassen.

Was hat das in dir ausgelöst?

Meine Eltern schirmten solche Dinge mir gegenüber ab, aber ab diesem Moment begriff ich, was mir da gerade passiert war und begann mich erstmals mit den Themen Rassismus und Diskriminierung zu beschäftigen. Ich lernte, dass ich nicht der einzige bin, dem so etwas angetan wurde und meine Wut wurde immer größer. Es war zwar die einzige Tat, bei ich körperlich verletzt wurde, aber das Gefühl, auf Grund seiner Hautfarbe angegriffen zu werden, die Angst und diese Gewalt richten in einem Menschen viel mehr an als ein Tritt in den Bauch, denn der verheilt wieder. Aber die Worte und meine Angst werde ich niemals vergessen.
Vor einigen Tagen lief ich Nachmittags durch den Andrépark und hörte Musik. Ich war gut gelaunt auf einmal wurde ich von zwei ziemlich großen und muskulösen Männern geschupst. Ich fiel auf die Wiese und als ich wieder zum Stehen kam, waren die Männer schon am weggehen. Ich war zwar nicht verletzt, aber ziemlich erschrocken, denn ich wurde von hinten angegriffen. Irgendwie muss ich gerade, wenn ich das erzähle, darüber lachen, obwohl es überhaupt nicht lustig ist. Vielleicht weiß ich nur nicht, wie ich damit umgehen soll.

Spielte „racial profiling“ schon eine Rolle für dich?

Vor ein paar Jahren bin ich Abends 22 Uhr über die Westraße nach Hause gelaufen und aus dem Nichts hielt mich ein Sixer an. Die Polizisten stiegen aus und verlangten meinen Ausweis. Ich habe meinen Ausweis gezeigt und plötzlich wurde ich dazu aufgefordert, mich ans Auto zu stellen, mit den Armen hinter dem Rücken. Die Polizisten fixierten mich mit Kabelbindern. Zeitgleich wurden meine Personalien an die Zentrale weitergegeben und für mich war immer noch nicht klar, warum ich mich in dieser Situation befinde. Auch nach mehrmaligem Nachfragen bekam ich keine Antwort. Ich wusste nur, dass es sich um ein Missverständnis handeln konnte, denn ich hatte nichts Unrechtes veranstaltet. Kurz darauf begriffen das auch die Beamten und ich durfte gehen. Ich fühlte mich auf Grund meiner Hautfarbe herausgepickt und ungerecht behandelt. Also merkte ich mir die Rückennummer des einen Polizisten und meldete den Fall bei der Polizei. Ich wollte zu gerne wissen, was die Rechtfertigung für die Fixierung und das Drücken ans Auto war. Doch auch das verlief im Sande.
Ein anderes Beispiel: Ich war auf dem Dresdner Flughafen und auf mich kamen zwei Bundeswehrsoldaten zu, also ich ging davon aus, dass es Bundeswehrsoldaten waren, und forderten mich dazu auf, mich bäuchlings auf den Boden zu legen. Sie kontrollierten mich und meine Personalien. Wieder stellte sich raus, dass ich nichts gemacht habe. Sie werden sicher jemanden gesucht haben, aber das war ein komisches Gefühl. Ich hatte Angst. Es war heftig, denn ich wusste nicht, was jetzt und als nächstes passieren wird. Ob ich auf die Beschreibung des Gesuchten passe oder nicht.

Du hast schon die Verletzung durch Worte angesprochen. Wie geht es dir damit? Welche Begriffe sind für dich in Ordnung und was geht zu weit?

Also solche Sachen wie „Neger“ oder „Mohrbube“ gehen überhaupt nicht. Das sind pure Beleidigungen. Das ist ein persönlicher Angriff.

Ich glaube, dass es bei diesen Begriffen klar ist, dass es sich um Beleidigungen handelt. Aber wie sieht es zum Beispiel mit dem Begriff „People of Color“aus?

Das ist keine Beleidigung. People of Color umfasst ja alle Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe und das bin ich ja. Ich finde aber, dass es immer drauf ankommt, in welchem Kontext man die Begriffe verwendet. Das entscheidet für mich, ob ich mich angegriffen fühle oder nicht. Jemand der nicht weiß, was er sagen darf und in welchem Zusammenhang, soll einfach nachfragen. Und nicht durch Unwissenheit Begrifflichkeiten benutzen, die beleidigend sein könnten.

Wie betrachtest du die Proteste, die der Mord an George Floyd ausgelöst hat, besonders in den USA?

Zu aller erst, finde ich es gut, dass es diese Proteste gibt. Dass Menschen, egal welcher Herkunft, auf die Straße gehen und Gesicht gegen Rassismus zeigen. Die Ausgrenzung schwarzer Menschen hat seit der Kolonialisierung und Versklavung einfach nicht aufgehört. Gegen die Morde an schwarzen Menschen wurde einfach nicht genug unternommen. Und genau deshalb finde ich es so gut, dass die Menschen überall auf der Welt sich zusammenfinden, Solidarität zeigen und für die Rechte von PoCs kämpfen.
Aber ich muss sagen, dass ich das Ausmaß der Proteste zum Teil ziemlich heftig fand. Ich habe einen Bericht über einen Mann aus New York gesehen, dessen Geschäft von wildgewordenen Demonstranten zerstört wurde. Das geht natürlich viel zu weit. Aber ich denke, dass sich die Wut bezüglich dieses Themas zu lange angestaut hat, worauf es dann so eskaliert.
Ich unterstütze überhaupt nicht die Aussage, dass alle Polizisten Rassisten seien. Wenn wir Schwarzen nicht wollen, dass man uns in eine Schublade steckt, dann dürfen wir das auch nicht mit Polizisten tun. Es gibt sehr viele Polizisten, die ihren Job richtig gut machen.
* Name von der Redaktion geändert

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