⚠ Diese Webseite wurde nicht für Internet Explorer 11 optimiert. Wir empfehlen Mozilla Firefox , Microsoft Edge oder Google Chrome.

Das Web-App-Mag
Immer auf Tasche

Magazin

Klein klein ganz groß

Veröffentlicht am:

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Aktuelle Umfragen sehen die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund deutlich vorn - teilweise bei mehr als 40 Prozent. Was passiert, wenn eine Partei, die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, tatsächlich Regierungsverantwortung übernimmt? Die Antwort darauf ist längst keine theoretische Frage mehr.

Auch in Sachsen ist die politische Stimmung angespannt. Und Chemnitz spielt dabei eine besondere Rolle: Martin Sellner, der österreichische Aktivist und eines der bekanntesten Gesichter der als rechtsextrem eingestuften „Identitären Bewegung“, lebt mittlerweile in der Stadt. Seit November 2023 betreibt er in der Schönauer Edisonstraße ein eigenes „Zentrum“.

Doch während die einen versuchen, mit ihrer Ideologie Raum zu gewinnen, gibt es in Chemnitz Menschen, die sich bewusst dagegenstellen.

An einem Dienstag treffe ich Renée und Birgit von den „Omas gegen Rechts“ auf ihrer Zuhörbank. Zwei Frauen, zwei unterschiedliche Wege nach Chemnitz, verbunden durch die Überzeugung, dass Wegschauen keine Option ist.

Birgit ist 64 Jahre alt und seit der Gründung Teil der Initiative. Seit einem Monat ist sie im Ruhestand, ihr Mann engagiert sich ebenfalls bei den „Omas gegen Rechts“. Renée, 69, ist erst vor einiger Zeit nach Chemnitz gezogen und inzwischen ebenfalls Mitglied. Sie hat die Zuhörbank ins Leben gerufen, einen Ort, der im Mai dieses Jahres entstand. Die Idee dahinter ist eigentlich ganz simpel: Menschen sollen vorbeikommen, wenn ihnen nach Reden ist - egal, ob es um Einsamkeit, Ärger im Alltag oder einfach das Bedürfnis nach einem offenen Ohr geht. Die Initiatoren wollen dabei vor allem eines: zuhören, ohne zu bewerten oder ungefragt Ratschläge zu geben. Auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch. Jeden Mittwoch von 14 bis 16 Uhr steht die Zuhörbank im Rosenhof bei gutem Wetter bereit. Wer vorbeikommt, darf sich einfach dazusetzen und erzählen.

Bei den Omas gegen Rechts begann alles mit fünf Frauen und einer WhatsApp-Gruppe. Aus der kleinen Runde wurde schnell eine größere Initiative, und bei Demonstrationen merkten sie: Sie sind nicht allein. Aus dem Protest gegen rechte Aufmärsche wurde der Wunsch, mehr zu tun – mit Informationsständen, Aktionen und vor allem Gesprächen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur das „Dagegen“, sondern das „Dafür“: für Demokratie, Zusammenhalt und eine Gesellschaft, in der niemand einfach wegschaut. Heute engagieren sich rund 50 Menschen bei den Omas gegen Rechts. Geblieben ist die Überzeugung, dass Demokratie und Freiheit nicht selbstverständlich sind.

Die „Omas gegen Rechts“ wollen dabei nicht nur demonstrieren, sondern früh ansetzen: Ab Oktober starten sie gemeinsam mit einer Chemnitzer Mittelschule ein Projekt, bei dem sie mit Jugendlichen ins Gespräch kommen, lesen, spielen und über Demokratie, Geschichte und gesellschaftlichen Zusammenhalt sprechen.

Im Interview erzählen Renée und Birgit, was sie von der Wahl in Sachsen-Anhalt erwarten und was Chemnitz daraus lernen könnte.

Paula: Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht bevor und die AfD hat gute Chancen, als stärkste Kraft aus ihr hervorzugehen. Mit welchem Gefühl schaut ihr auf diese Wahl?

Reneé: Das kommt ja nicht unerwartet. Ich habe zwei Jahre in Sachsen-Anhalt gelebt und auch damals waren die Tendenzen deutlich zu spüren. Es ist ein Bundesland, das es auch nicht einfach hat. Die wirtschaftliche Lage, die ländliche Prägung, die zerstörte Industrie nach der Wende. Es gab viele, Entschuldigung, “Verlierer”. Das ist ein guter Nährboden für solche Demagogen. Und trotzdem bleibt der Gedanke, dass es doch nicht sein kann, dass trotz demokratischer Angebote, die Angst, die Unsicherheit und das Bedürfnis nach einem starken Mann, der mit Halb- und Unwahrheiten füttert, bleibt.

Paula: Wie lässt sich erklären, dass die Leute trotz Widersprüchen ein solches Vertrauen in die Partei und das Wahlprogramm haben?

Renée: Ich kann mich an ein Plakat erinnern, auf dem sie versprochen haben, gegen Blitzer vorzugehen, weil es in meiner Kleinstadt so viele gab. Die AfD erreicht die Leute auf einer sehr niedrigen Ebene. Da denkt man: Wie kann man glauben, dass Politik einfach Blitzer abbauen kann? Aber sie sind gut geschult und wissen, wo sie ansetzen müssen. Das ist keine zusammengewürfelte, doofe Truppe.

Paula: Wenn wir uns die bildungspolitischen Pläne der AfD anschauen – etwa die Abkehr von Inklusion und Integration, getrennte Klassen, private Sicherheitsdienste auf Schulhöfen, das tägliche Hissen der Deutschlandflagge oder Veränderungen im Geschichtsunterricht: Was davon bereitet euch mit Blick auf Kinder und Jugendliche am meisten Sorge – und warum?

Reneé: Uns allen ist aus Erzählungen der Großeltern und Eltern bekannt, was es bedeutet, wenn man anfängt, gleichzuschalten. Wie schon damals in der DDR: Pioniere mit Halstuch und Morgengruß. Und jetzt fangen wir wieder von vorne an – nur viel, viel schlimmer. Ich muss doch dafür sorgen, dass meine Kinder Flügel kriegen. Natürlich müssen sie Wurzeln haben. Dazu gehört auch, dass ich stolz auf meine Nationalität oder meine Kultur bin. Das ist in Ordnung. Aber ich will doch, dass meine Kinder Weitblick haben und weltgewandt werden. Da kann ich doch nicht sagen: Ich schränke das ein, ich teile die Menschen.

Paula: Das gibt uns ja möglicherweise einen Vorgeschmack, was Sachsen politisch und gesellschaftlich in den kommenden Jahren bevorsteht. Wie schaut ihr zukünftig auf eure eigene Arbeit?

Renée: Wir tun den Teil, den wir tun können und müssen – sowie irgendwann vor seinen Enkelkindern stehen und sagen “Ich habe nicht nur zugeschaut, sondern ich habe etwas getan.”

Birgit: Man muss trotzdem auch sagen, 40% ist schlimm und viel, aber es gibt auch die anderen. Und so unterschiedlich wir bei den Omas gegen Rechts sind, in einer Sache sind wir uns einig: Aufgeben ist keine Option.

Paula: Welche Erlebnisse habt ihr persönlich mit der Auseinandersetzung gegen Rechts?

Birgit: Also wir bereiten uns tatsächlich darauf vor, notfalls in den Untergrund zu gehen. Wir sind mittlerweile in vielen Medien präsent, unsere Gesichter sind bekannt und wir werden auf Veranstaltungen regelmäßig gefilmt. Aber wir stehen zu dem, was wir tun. Und sollte es irgendwann nötig sein, unterzutauchen, dann machen wir eben von dort aus weiter.

Renée: In anderen Ortsgruppen sind bereits schlimme Dinge passiert, ohne dass die Polizei eingegriffen hat. Da fragt man sich schon: Wie oft muss jemand sein Augenlicht verlieren, bevor etwas passiert? Auch wir werden bedrängt, wenn wir mit unseren Plakaten nach Hause gehen. Deshalb nehmen wir inzwischen unsere Buttons ab, stecken die Plakate ein und gehen nicht mehr alleine nach Hause. Zusätzlich machen wir jetzt einen Selbstverteidigungskurs. Gleichzeitig erleben wir aber auch sehr viel Zuspruch.

Paula: Was müsste aus eurer Sicht in Sachsen passieren, damit sich der Rechtsruck nicht weiter verstärkt?

Renée: Ich verstehe die Leute, die sich fragen: ‚Wen sollen wir denn wählen?‘ Dass ihnen die Identifikation fehlt und sie dadurch leichter mit Halbwahrheiten und populistischen Sachen einzufangen sind. Das geht ja schon bei den Schülern los. Aber nur zu Hause zu sitzen und sich aufzuregen, bringt nichts. Man muss nach draußen gehen, sich anschließen und das muss keine Partei oder Initiative sein. Man kann auch einfach ins Bürgerbüro gehen und sagen: ‚Ich würde gern was machen.‘ Es gibt Freiwilligenagenturen, wo man sich engagieren kann. Einfach machen. Nur meckern hilft leider nicht.

Birgit: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es einen Zusammenhang gibt: In Gegenden wie Bautzen und Görlitz ist der Stand an Ehrenämtern besonders niedrig und gleichzeitig ist dort die Wahlbeteiligung für die AfD besonders hoch. Ich glaube, es würde schon helfen, wenn sich mehr Menschen engagieren würden.

Renée: Wir wissen, dass wir die Politik nicht ändern können, aber wir können Flagge zeigen. Und wir können sagen, dass wir es nicht gut finden. Natürlich ist es klein, klein. Aber besser klein, klein als gar nichts.

Text: Paula Thomsen

Foto: Omas gegen Rechts Chemnitz

Zurück