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Sie plätschern durch Wiesen, verschwinden zwischen Häusern oder schlängeln sich unterirdisch durch die Stadt: kleine Bäche sind überall, still und unauffällig. Aber was wissen wir eigentlich darüber, wie es ihnen geht?
„Gemessen an den Zielvorgaben der europäischen Wasserrahmenrichtlinie sind die meisten Chemnitzer Bäche in einem schlechten ökologischen Zustand.“, erklärt Thomas Sundheim von der unteren Wasserbehörde Chemnitz. Vor dem Hintergrund, dass sich über 90 Prozent der bundesweit behördlich untersuchten Fließgewässer in einem schlechten ökologischen Zustand befinden, ist das wenig überraschend. (Umweltbundesamt, 2022)
Da sie durch ihre Größe nicht in die Gewässer 1. und 2. Ordnung fallen, rutschen kleine Bäche beim Monitoring der Behörden durchs Raster und tauchen in Statistiken kaum auf. Dabei machen sie rund 65 Prozent unseres gesamten Fließgewässernetzes in Deutschland aus. Sie sind echte ökologische Hotspots: Hier leben zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, außerdem „verbinden sie Lebensräume, sie klimatisieren die Stadt und prägen das Stadt- und Landschaftsbild.“, erklärt Sundheim.
Gleichzeitig stehen unsere kleinen Gewässer massiv unter Druck. Belastungen aus der Landwirtschaft und Städten, sowie die Folgen des Klimawandels verschlechtern vielerorts ihren Zustand. Zwar verpflichtet die europäische Wasserrahmenrichtlinie seit 2000 alle Mitgliedsstaaten, bis spätestens 2027 einen guten ökologischen und chemischen Zustand ihrer Gewässer zu erreichen. Laut Sarah Arnold vom Umweltamt Chemnitz werden diese Ziele in Chemnitz jedoch nicht erreicht.
Bundesweite Untersuchungen der Kleingewässer der vergangenen Jahre zeigen zudem, dass vor allem Pflanzenschutzmittel eine große Belastung darstellen. An über 80 Prozent der untersuchten Messstellen wurden die zulässigen Richtwerte überschritten. In Chemnitz seien die Faktoren ganz wesentlich auf die in der Vergangenheit, insbesondere seit dem massiven Wachstum der Stadt, erfolgten Einengung und Begradigung zurückzuführen. „Dadurch ging oft die Verbindung zu einem natürlichen Umfeld verloren, die Bäche waren nur noch Abflussgerinne, um Wasser möglichst schnell aus Siedlungsgebieten fortzuleiten. Manche Bachläufe wurden ganz beseitigt oder aber vollständig in die städtische Kanalisation eingebunden. Dies wieder zu ändern, ist eine Generationenaufgabe und bedarf auch manchmal der Überwindung großer Hindernisse, da die ehemaligen Bachauen einfach nicht mehr vorhanden sind.“, fügt Sundheim hinzu.
Umso wichtiger sind Mitmach-Projekte wie „Flow“. Gemeinsam mit dem Deutschen Angelfischverein startet das Nationale Monitoringzentrum zur Biodiversität in Leipzig bereits in die sechste Feldsaison. Ziel ist es, den Zustand kleiner Bäche unter die Lupe zu nehmen und das gemeinsam mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland. Das Besondere: Jede und jeder kann mitmachen, auch in Chemnitz. Anmeldung und eine kurze Schulung, Neugier und Freude daran, mit Gummistiefeln und Kescher loszuziehen, reichen völlig aus.
Wer bei „Flow“ mitmacht, untersucht einen Bach direkt vor der Haustür und hilft so, seinen ökologischen Zustand besser zu verstehen: Wie natürlich schlängelt sich der Bach durch die Umgebung? Wie schnell fließt das Wasser und wie wird die Umgebung genutzt - etwa durch Landwirtschaft oder Bebauung? Auch die Wasserqualität ist wichtig. Sind Nährstoffe wie Nitrat oder Phosphat in zu hoher Konzentration vorhanden? Und was sagen eigentlich die kleinen Tiere im Bach über seinen Zustand aus? Köcherfliegenlarven, Steinfliegen, Bachflohkrebse und Co. sind dabei echte Bio-Detektive. Je nachdem, welche Arten vorkommen und wie häufig sie sind, lässt sich erkennen, ob ein Bach gesund oder zum Beispiel durch Pestizide belastet ist. So zeigte die letzte FLOW-Untersuchung des Wiesenbachs durch die Fortis Akademie deutlich: die Nährstoffüberschüsse insbesondere an Nitrat und Phosphat, zurückzuführen auf die Landwirtschaft, fördern Algenwachstum und sorgen mittelfristig für Probleme wie Sauerstoffmangel. Die gesammelten Daten fließen in wissenschaftliche Studien ein und ergänzen das offizielle Gewässermonitoring. So entsteht Schritt für Schritt ein genaueres Bild unserer Bäche in ganz Deutschland. Langfristig sollen daraus konkrete Strategien zum Schutz der Gewässer vor Ort und in der Region entwickelt werden. „Der Mehrwert des Citizen-Science-Projektes entsteht vor allem dadurch,
dass durch die Einbindung insbesondere von Schüler:innen eine praktische Wissensvermittlung entsteht. So wird dann auch in die Familien und Freundeskreise weitergetragen, warum unsere Fließgewässer oft in einem schlechten Zustand sind. Daraus entwickelt sich dann auch das Bewusstsein, mit welchen Maßnahmen Verbesserungen erzielt werden können.“, so Sundheim.
Doch „Flow“ geht noch weiter: Perspektivisch sollen gemeinsam mit Teilnehmenden, Verbänden, Behörden und Flächenverantwortlichen konkrete Maßnahmen umgesetzt werden, um Bäche naturnah zu entwickeln und zu schützen. Aus Beobachten wird Handeln. Neben der Forschung setzt das Projekt stark auf Bildung und Austausch. Mit leicht verständlichen Lernmaterialien, praktischen Schulungen und Treffen mit Wissenschaftler:innen und Expert:innen wird Wissen anschaulich vermittelt. Auch Schulen, Umwelt- und Angelverbände sind eingebunden. So entsteht nicht nur ein wertvoller Datenschatz, sondern auch eine engagierte Gemeinschaft, die sich für den Schutz unserer Fließgewässer einsetzt.
Denn unsere kleinen Fließgewässer sind weit mehr als nur unscheinbare Wasserläufe. Sie sind Lebensraum, Erholungsort und wichtiger Teil unseres Ökosystems. Helfen wir gemeinsam mit, sie besser zu verstehen und zu schützen. Und auch im Alltag gilt: aufmerksam sein. Müll gehört nicht ans Ufer und wer neben dem eigenen auch herumliegenden Abfall mitnimmt, sammelt ganz nebenbei noch gute Karma-Punkte. Also Gummistiefel an und los gehts.
Text: Paula Thomsen | Fotos: Privat