⚠ Diese Webseite wurde nicht für Internet Explorer 11 optimiert. Wir empfehlen Mozilla Firefox , Microsoft Edge oder Google Chrome.

Das Web-App-Mag
Immer auf Tasche

Magazin

Kulturkampf

Veröffentlicht am:

Viele von uns kennen Wrestling noch aus der Kindheit: bunte Outfits, riesige Muskelpakete, spektakuläre Sprüche und jede Menge Drama. Damals saß man vielleicht mit großen Augen vor dem Fernseher und fragte sich, wie ernst das Ganze eigentlich gemeint sein kann. Und dann plötzlich: Wrestling in der Markuskirche auf dem Sonnenberg.

Zugegeben: Als ich zum ersten Mal von „Enter the Ring“ hörte, konnte ich mir nicht wirklich viel vorstellen und das muss man ehrlicherweise auch einfach selbst mal erlebt haben. Licht, Musik, Getränke und 17 Wrestler:innen aus ganz Deutschland und der Welt, die sich im Ring gegenüberstanden: Aus der Kirche wurde für einen Abend eine Show-Arena.

Aus dem, was zunächst nach einem ziemlich verrückten Abend in einer Kirche klingt, entsteht nun eine eigene Szene und ein Ort, an dem Wrestling trainiert, ausprobiert und selbst gelebt werden kann. Willkommen in der Wrestling-Schule im Avanti Gym auf dem Sonnenberg!

Dass das Konzept aufgegangen ist, zeigt die Resonanz. “Für viele war es bis dahin das Event des Jahres. Für viele war es außerdem das erste in-Berührung-kommen mit Show-Wrestling.”, erzählt Leon Bischinger, einer der Zukunftskurator:innen von enter - Junge Kulturregion Chemnitz. Bei manchen sprang der Funke sogar so sehr über, dass sie sich anschließend einer Intensiv-Lernphase unterzogen und nun ab September als Trainer:innen die Verantwortung für die wöchentlichen Wrestling Kurse übernehmen.

Warum aber gerade Wrestling als Angebot für junge Menschen in Chemnitz? Für Leon schließt das Projekt zunächst eine Lücke: Eine solche Ausdrucksform gab es in Chemnitz bisher nicht. Gleichzeitig passe Wrestling gut zu dem, was enter Junge Kulturregion mit ihren Projekten ermöglichen möchte. „Laut, aber lieb“ lautet das inoffizielle Motto.

Der lokale Partner für das Projekt ist das Avanti-Gym, die Kampfsportschule des Vereins Athletic Sonnenberg, die Sportarten wie Muay Thai, Brazilian Jiu-Jitsu, MMA und nun auch Wrestling mit sozialen Werten verbindet. Sport versteht das Avanti dabei nicht ausschließlich als Leistung, sondern auch als Möglichkeit, Gemeinschaft zu schaffen und für Respekt, Toleranz und ein diskriminierungsfreies Miteinander einzustehen. Die Mitgliedschaft kostet regulär 35 Euro, ermäßigt 25 Euro – wobei das Ziel bleibt, dass alle trainieren können und sich bei finanziellen Schwierigkeiten gemeinsam eine Lösung finden lässt.

Neben dem wöchentlichen Training ab September ist die Wrestling-Schule vor allem als Bildungs- und Kulturprojekt gedacht. Jeden Freitag ab 17 Uhr wird im Avanti-Gym trainiert. Dabei geht es um weit mehr als körperliches Training: Auf dem Programm stehen Wrestling-Techniken ebenso wie Performance, Show und Charakterentwicklung. Auch Maskenbild und die verschiedenen Elemente einer Wrestling-Inszenierung spielen eine Rolle.

Für Leon gehe es nicht nur darum, jungen Menschen einen Trainingsraum zu bieten. „Mutig sein, laut sein, lieb sein, kreativ sein und sich eben so einen Platz zu erkämpfen“, beschreibt er den Gedanken hinter dem Projekt. Wrestling biete dafür eine besondere Bühne. Es gehe um Präsenz, darum, Raum einzunehmen und sich zu zeigen.

Dass sich dabei ganz unterschiedliche Menschen zusammenfinden, hat der Auftakt in der Markuskirche bereits gezeigt und auch die Trainergruppe ist sehr divers: „Die Frage von ‚Bist du normal oder nicht?‘ spielt im Wrestling-Kontext einfach keine Rolle“, sagt Leon. Alles, was einen Menschen ungewöhnlich mache, könne hier Teil der eigenen Figur und Ausdrucksform werden.“

Langfristig kann sich Leon vorstellen, Themen und Konflikte aus dem Alltag junger Menschen im Ring aufzugreifen und sie spielerisch einzubringen. Wrestling lebt schließlich vom direkten Austausch zwischen Wrestler:innen und Publikum. Ein Konflikt, der im echten Leben festgefahren ist, könnte so auf der Bühne stellvertretend ausgetragen werden - mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Übertreibung.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität des Projekts: Schwierige Themen müssen nicht immer bierernst verhandelt werden. Manchmal hilft es, ihnen eine „Clownsnase aufzusetzen“, wie Leon sagt, und dadurch wieder etwas Leichtigkeit und Handlungsspielraum zu gewinnen.

Die Wrestling-Schule ist deshalb grundsätzlich für alle ab 16 Jahren offen, nach Absprache auch jünger. Entscheidend ist weniger, wer jemand ist oder welchem Typ Mensch er oder sie entspricht, sondern die Haltung gegenüber anderen. Vielfalt und ein respektvoller Umgang sind die Grundlage. Oder, wie Leon es formuliert: Gesucht werden Menschen, die „im besten Fall ein großes Herz haben“.

Wer lieber zuschaut, als selbst in den Ring zu steigen, soll bei dem Projekt ebenfalls auf seine Kosten kommen. Die Wrestling-Schule endet nicht hinter verschlossenen Türen: Noch in diesem Jahr sind mindestens drei öffentliche Veranstaltungen geplant, bei denen das Gelernte vor Publikum gezeigt wird. Damit wird Wrestling nicht nur für die Teilnehmenden erlebbar, sondern für alle, die neugierig sind.

Das Projekt soll langfristig seinen Platz in der Chemnitzer Sport- und Kulturszene finden. Dafür werden auch im nächsten Jahr Menschen gesucht, die Interesse an einer Trainer-Ausbildung haben.

Damit könnte aus dem zunächst ungewöhnlichen Projekt mehr entstehen als eine einzelne Veranstaltungsreihe: ein neuer Ort für junge Menschen, die sich ausprobieren, kreativ werden und sichtbar sein wollen, ob im Ring oder davor.

Avanti Gym Uferstraße 20A, 09111 Zentrum

Anmeldung über: alina@enter-kulturregion.de

Text: Paula Thomsen

Foto: @corvenzo_

Zurück