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„Live the life you love — love the life you live.“

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Die Geschichte der Chemnitzer Graffitiszene der 90er Jahre ist eine, die zwischen Betonwänden, Zuglinien und Erinnerungen verborgen liegt – fast wie ein Geheimnis und erstaunlich schwer greifbar. Das wissen wir spätestens seit der Hallenkunst Ausstellung im vergangenen Jahr. Was heute im Stadtbild höchstens als verblasste Spur existiert, war damals Teil einer lebendigen Subkultur, geprägt von Aufbruch und der Suche nach dem eigenen Ausdruck.

„Die Stadt Chemnitz kann auf eine stolze HipHop-Geschichte zurückblicken. Neben wichtigen Events und Persönlichkeiten, brachte sie auch eine äußerst aktive Graffitiszene hervor. Dank hochqualitativer Bombings und Hall of Fame Pieces zählte Chemnitz in den 90ern zu den ostdeutschen Graffitimetropolen.“, heißt es im digitalen Fotoarchiv Sprühwut.

In vielen Gesprächen mit ehemaligen Sprühern und Zeitzeug:innen werden dabei immer wieder Orte wie das Voxxx und das AJZ genannt - Treffpunkte, an denen sich die Szene bündelte. Daneben spielten auch WGs und spontane Partys eine wichtige Rolle, bei denen Musik, Austausch und neue Ideen zusammenkamen.

„Mittlerweile ist das fast in Vergessenheit geraten und auch Bilder der alten Pieces kaum zu finden. Dabei mangelt es nicht an Material, nur verstauben Fotosammlungen aus der Zeit im sprichwörtlichen Regal.“, ergänzt Sprühwut.

Um dem entgegenzuwirken, schnürten wir unser Ränzlein und machten uns blauäugig auf den Weg in eine uns unbekannte Welt. Einfach ist das nicht: Um sich der Szene zu nähern, braucht es mehr als nur Namen und Daten. Die Umbrüche der Nachwendezeit, neue Freiräume und die Dynamiken innerhalb der Szene spielen eine große Rolle. Gleichzeitig gibt es kaum dokumentiertes Material, vieles existiert nur in Erzählungen und nicht alle wollen ihre Vergangenheit noch einmal aufrollen. Genau darin liegt die Herausforderung: eine Geschichte zusammenzusetzen, die zwangsläufig lückenhaft bleibt.

Matthias Müller, vielen besser bekannt unter Namen wie Kid Gringo, Dose oder Loki, steht exemplarisch für eine Generation zwischen Gen X und Millenials, die die Chemnitzer Graffitiszene der 90er entscheidend mitgeprägt hat. 1978 geboren und in Wittgensdorf aufgewachsen, kam er früh mit Kunst in Berührung - ein kreatives Elternhaus und viel Freiraum förderten seinen Drang zum Gestalten von Anfang an.

Mit 14 Jahren begann er zu sprühen. „Zu der Zeit hatten sich gerade meine Eltern getrennt. Damals konnte ich machen, was ich wollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, mal eine Nacht nicht rauszugehen und zu malen. Wir hatten verschiedene Graffiti-Crews damals.“, erinnert sich Matthias in einem Interview mit Irieites im Jahr 2022. So wurde er auch Teil der NSK Crew (Non Style Kings), deren Kürzel zeitweise im gesamten Stadtbild präsent war. In diesen frühen Jahren entwickelte er einen eigenen, wiedererkennbaren Stil. “Wenn man Matthias Sachen anguckt, sieht das immer so leichtfüßig aus. Man kann sich auch vor die Bilder stellen und 20 Jahre später ein Detail entdecken, was man noch nie gesehen hat. Wäre er noch hier, würde er es erklären können.“ hebt Matthias langjährige Weggefährtin Anne Kummerlöwe hervor.

Gleichzeitig bewegte sich Matthias nicht nur in einer Disziplin. Neben Graffiti arbeitete er als Illustrator und war als DJ ein wichtiger Vertreter der Dancehall- und Reggaemusik in Ostdeutschland. Ein Beispiel dafür, wie eng die verschiedenen Ausdrucksformen der damaligen Subkultur miteinander verbunden waren. Um die Jahrtausendwende zog er nach Leipzig, wo er Grafik und Buchkunst studierte. Parallel gründete er das Soundsystem „Rotzlöffels HiFi“, zudem zeitweise auch Trettmann angehörte und hinterließ damit auch überregionale Spuren. Nebenbei blieb er stets gestalterisch aktiv und veröffentlichte unter anderem Illustrationen für Magazine wie Riddim.

Sein Werdegang macht deutlich, was viele Biografien dieser Zeit verbindet. Eine gewisse Rastlosigkeit, Offenheit und den Drang, sich immer wieder auszuprobieren. „Wir waren neugierig und heiß auf Aktion. Vielleicht hat uns der Nervenkitzel auch angetrieben. Der Hauptgrund meiner Meinung nach war allerdings das Herumkommen, um Gleichgesinnte zu finden. Wir hatten beispielsweise auch ein paar Mitglieder in Dresden. Da sind wir sehr oft gewesen. Außerdem hatte Chemnitz nicht viel zu bieten. Da war man gut beraten, sich irgendwie kreativ zu betätigen. Egal ob Hip Hop, Punk, Techno oder Reggae. Freiräume gab es ja genug, um sich auszutoben.“, erinnert sich ein anderes Mitglied der NSK Crew zurück.

Von Chemnitz über Leipzig bis hin zu Stationen in Brasilien und zuletzt Uganda war er ständig in Bewegung. „Weil ich hier nicht hingehöre. Ich weiß das komischerweise schon immer.“ Besonders die Hauptstadt Kampala wurde zu seinem zweiten Lebensmittelpunkt. Dort baute er eine mobile Siebdruckerei auf, mit der er Jugendlichen den Raum gab, sich kreativ auszuprobieren. Aber auch musikalisch blieb er äußerst aktiv: als maßgeblicher Teil der lokalen Spitfire Crew unterstützte und förderte er junge ugandische Musiker.

In Uganda starb er im März 2025 im Alter von 46 Jahren.

Was bleibt, ist das Bild eines Künstlers, der nie stehen blieb, sondern immer schon beim nächsten Schritt war.

„Mit Matthias Müller verliert die Szene einen ihrer hingebungsvollsten Vertreter, einen kreativen Freigeist auf der Überholspur, einen Menschen, der mit seinem Witz, seiner Fantasie und seinem unermüdlichen Herzblut bleibende Eindrücke hinterlassen hat. Sein Leben war eine wahnwitzige Mischung aus Ideen, Begegnungen und gelegentlichen Kurzschlüssen – oft bis an die Schmerzgrenze und nie in halben Zügen. Bunt, laut, manchmal einen Tick zu grell. Viele seiner Visionen bleiben nun unerfüllt, unzählige Ideen nicht umgesetzt.“, Nachruf von Anne Kummerlöwe.

Was von Kid Gringo bleibt, sind vor allem Erinnerungen, Erzählungen und Orte des Gedenkens. So etwa das Memorial Mural „Live the life you love - love the life you live.“ neben dem Roten Turm, gestaltet unter der künstlerischen Leitung von Matthias Marx, einem langjährigen Weggefährten von Kid Gringo. Beide waren bis zuletzt eng verbunden. Auch Marx verstarb einige Monate später.

Mit dem Schließen des Voxxx Anfang der 2000er erlosch für viele die Keimzelle der Szene. Mit ihm verließ fast eine ganze Generation und ihre Tags die Stadt. Ein Sprüher, der damals tausende Graffitis im Stadtgebiet hinterlassen hat, findet heute nur noch eine Handvoll davon wieder - übermalt oder von der Nachwuchsgeneration längst übersprüht. So entsteht ein Stadtbild, das sich ständig neu schreibt, in dem aber die Spuren der Vergangenheit, Tatendrang und der unermüdliche Wille einer Generation, etwas aufzubauen, weiterhin unter der Oberfläche sichtbar bleiben. Solange wir uns die Zeit nehmen, unsere eigene Stadtgeschichte zu würdigen, können wir dem Verblassen entgegenwirken und vielleicht von dem lernen, was derart viele wertvolle und kreative Impulse hervorgebracht hat.

Text: Paula Thomsen | Fotos: Daniel Scholz, Familienarchiv Müller/Kummerlöwe + Instagram: Kid Gringo

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