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Luca und das Irrlicht

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Im Oktober werden die Wände zwischen den Welten dünn, heißt es:

Lebende und Gestorbene begegnen sich, Erinnerungen häufen sich wie Laub, Stimmen flüstern im Herbstwind. Ob es da eine gute Idee von Luca war, über den Friedhof nach Hause zu gehen?

In seiner Schule war heute Kostümfest. Luca, als Spiderman verkleidet, hatte viel Spaß mit den neuen Freunden aus seiner 5.Klasse. Sie haben Butterbier getrunken, Kürbisse geschnitzt und seine Lehrerin, Frau Beyer, hat Geistergeschichten erzählt, bis es dunkel wurde. So ganz ohne Eltern hat sich Luca schon ziemlich groß und tapfer gefühlt. Doch von dem Gefühl ist jetzt nichts mehr übrig. Eigentlich ist Luca es gewohnt, seinen Heimweg von der Brandt-Oberschule über den Friedhof zu gehen. Aber nun ist es schon dunkel, Mama und Papa warten zuhause und auch sonst ist niemand mit ihm mitgekommen.

Sollte er um den Friedhof herum gehen? Hatte er sich nicht gerade so mutig gefühlt? Nein. Luca strafft sich. Geister gibt es nur in Geschichten. Also geht er durch das große Tor auf der Wartburgstraße. Kein Stern ist zu sehen, es nieselt und der Wind weht die letzten Blätter von den Bäumen. Luca hat seit den Sommerferien ein Handy

und schaltet die Taschenlampe daran ein. Er kennt den Weg. Eigentlich muss er nur geradeaus gehen. Vorbei an den großen, düsteren Gräbern mit den Engeln und dem grimmig blickenden Richter-Mann. Wenige Schritte danach biegt ein Weg rechts ab, den Luca bislang nur einmal gegangen ist – als er mit Mama und Papa seine Schwester Rosalie verabschiedet hatte. Er weiß nur, dass sie noch

ganz leicht war, als sie zur Welt kam, und dass sie nicht geatmet hatte. Für Mama war es sehr schlimm gewesen und Papa hatte geweint, was er sonst nie macht. „Rosalie ist jetzt ein weiterer Stern am Himmel”, hatte er gesagt und Luca hatte einen bemalten Stein auf das kleine Grab gelegt. Luca tat der Gedanke an sie weh, an den Schmerz seiner Eltern, an das kleine Grab mit dem Windrädchen.

Er weiß selbst nicht genau, warum er stehen geblieben ist. Doch als

er nach rechts sieht, ist ihm, als würde etwas in der Dunkelheit glimmen. Luca verdeckt die Lampe seines Handys, um es besser zu sehen. Und tatsächlich, da hinten leuchtet etwas zart. Der Wind trägt das Rattern der bunten Windrädchen zu

ihm. Luca weiß nicht, wieso, aber er verlässt den Hauptweg und geht zum Grab seiner Schwester und den anderen Sternenkindern. Mit jedem Schritt wird das Glimmen heller. Nun erkennt Luca die Windrädchen. Sie leuchten wie kleine Feuerräder, die er vom letzten Silvesterfeuerwerk kennt. Sein bemalter Stein glitzert und die Solarleuchten strahlen, obwohl Luca seit Tagen keine Sonne gesehen hatte. Luca schließt die Augen, weil er nicht glauben kann, was er

sieht. Doch der nächste Windstoß bringt Erinnerungen, die nicht von Luca sind: Bilder einer warmen Höhle, gedämpfte Stimmen, das Schlagen eines Herzens. Keine Erinnerung ist traurig, alle sind erfüllt von Nähe, Wärme und Geborgenheit.

Als Luca die Augen wieder öffnet, schwebt etwas um ihn herum. Davon hat Frau Beyer heute erzählt: Irrlichter, die Menschen in die Irre führen wollen. Aber diese kleinen Flämmchen hier haben keine bösen Absichten, das weiß Luca. Sie fliegen um ihn herum, als würden sie ihn aus jedem Blickwinkel betrachten wollen. Da kommt ein einzelnes Flämmchen ganz nah an sein Gesicht, sodass Luca schielen muss. Sanft berührt es ihn an der Nase und er spürt eine Welle der Zuneigung, die ihn durchfließt. Eine Träne kullert über seine Wange, als Luca seine Augen wieder schließt. Das nächste, an das er sich erinnern kann, sind die Rufe seiner Eltern. Luca sitzt auf der Mauer des Richter-Grabes und zwei Menschen mit Taschenlampen nähern sich ihm. "Wo warst du denn?“, fragt ihn seine Mutter. „Bei Rosalie”, antwortet er und lächelt.

Im November erscheint das neue Chemnitzer Märchenbuch. Alle Infos unter www.chemnitzer-märchenbuch.de

Ein Märchen von Marcus Lehmann

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