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Der Hilfebus Chemnitz versorgt seit nun mehr als fünf Jahren ehrenamtlich Menschen, für die der Winter auf der Straße lebensbedrohlich werden kann, und fängt auf, was kommunale Strukturen nicht leisten können. Eine 371-Reportage über Solidarität in kalten Zeiten von Ottilie Wied.
Es ist Anfang Januar, als ich den Hilfebus Chemnitz bei einer seiner Fahrten begleite. Zweimal wöchentlich, dienstags und freitags, dreht er seine Runden durch Chemnitz. Das Ziel: obdach- und wohnungslose Menschen mit Essen, warmen Getränken, Hygieneartikeln, Kleidung, Decken und Schlafsäcken zu versorgen.
Der Bedarf ist merkbar groß. Während der Fahrt pendeln sich die Temperaturen um den Gefrierpunkt ein, wenige Stunden später sollen sie auf minus sechs Grad fallen. Der erste Halt ist in der Innenstadt. Kaum angekommen, bildet sich bereits eine kleine Menschentraube neben dem Bus. Es gibt Kartoffel- und Linsensuppe, Tee und belegte Brötchen. Auch Jacken, Mützen und Hosen werden verteilt.
Zu diesem Zeitpunkt begleitet auch noch der Medibus das Team des Hilfebusses. Er ist für die medizinische Versorgung der Menschen da. Außer mir, die sich vermutlich an einer der Plastikkisten beim Herausgeben von Kleidung die Hand verletzt hat, muss heute zum Glück niemand behandelt werden.
Aktuelle Zahlen dazu, wie viele Menschen in Chemnitz derzeit wohnungslos sind, existieren seitens der Stadt nicht. Auf Anfrage teilt mir jedoch das Wohnprojekt des Vereins Selbsthilfe 91 e. V. mit, dass in der von ihnen betriebenen Notunterkunft 89 Betten zur Verfügung stehen. Zum Zeitpunkt der Anfrage lag die Auslastung bei 47 Prozent.
Nächster Halt: Sonnenberg. Auch hier wartet eine Handvoll Menschen auf uns. Wieder werden Suppe, Tee, Hundefutter und eine warme Jacke ausgegeben. Insgesamt verläuft die Fahrt bislang ruhig. Auf die Frage, wo denn all die anderen seien, antwortet ein Mann, viele seien inzwischen verstorben. Die Gründe dafür sind vielfältig, statistisch jedoch vor allem in den Bereichen Krankheit, Sucht und Gewalteinwirkung zu verorten. Obdachlose Menschen sterben im Durchschnitt rund 30 Jahre früher als die Allgemeinbevölkerung, mit etwa 49 Jahren.
Auf der Straße kennt man sich. So wird nach Klient:innen gefragt, die lange nicht mehr gesehen wurden. Man erkundigt sich nach ihrem Wohlbefinden, man hört zu. Und die Menschen vertrauen den Ehrenamtlichen des Hilfebusses. Sie sind dankbar für alles, was der Hilfebus ihnen gibt, gegenständlich wie menschlich. Nachdem sich eine Frau für die sehr leckere Suppe bedankt hat, geht es weiter zum Hauptbahnhof.
Gerade angekommen, erreicht uns noch eine reichliche Brotspende. Ein Mann bekommt eine „Erstausrüstung“, wie einer der Freiwilligen das Paket aus Schlafsack, Isomatte und Decke nennt.
Ein Mann fällt mir besonders auf: Er setzt sich mit seinem gesamten Hab und Gut neben den Bus und zündet ein Teelicht an. Autos fahren an ihm vorbei. Er kommt aus der Ukraine. Ich versuche, mit meinem gebrochenem Russisch und Google Translate mit ihm zu kommunizieren. Wie er hierhergekommen ist, weiß ich nicht. Er isst zwei Suppen und trinkt eine Tasse Tee.
Er erzählt, dass er ein Zelt brauche. Die Polizei habe ihn aus dem Hauptbahnhof verwiesen, in eine Notunterkunft wolle er nicht. Heute habe er zudem eine Strafe wegen Schwarzfahrens bekommen. In den letzten Tagen habe sich die Bahnhofsmission um ihn gekümmert, doch diese ist am Wochenende geschlossen.
Doch was braucht es, um die Versorgung wohnungsloser Menschen zu verbessern? Seitens der Stadt definitiv mehr Wertschätzung, gerade in Zeiten von Kürzungen. Insbesondere ehrenamtliche Arbeit, wie sie auch beim Hilfebus geleistet wird, bringt Menschen nicht selten an ihre Belastungsgrenze. Solche Tätigkeiten durch monetäre Anreize aus dem reinen Ehrenamt herauszuheben, könnte hier Entlastung schaffen. Zwar existieren derzeit zwei besetzte Stellen für diesen Bereich, diese sind jedoch auf lediglich fünf Stunden pro Woche angesetzt und werden der tatsächlichen Nachfrage kaum gerecht.
Hinzu kommt der Bedarf an sinnvollen Sachspenden. Aktuell seien die Lager des Hilfebusses zwar gut gefüllt, dennoch werden im Winter auch Dinge wie Bikinis oder Croptops gespendet. „Welcher Mensch, der auf der Straße lebt, soll das denn anziehen?“, fragt sich daher eine Freiwillige des Hilfebusteams.
Die Ehrenamtlichen verabschieden alle Klienten des heutigen Abends mit den Worten „Pass auf dich auf. Bis bald.“ Auch den Klienten am Bahnhof verabschiede ich mit den Worten „Gute Nacht“ auf Russisch. Er bedankt sich. Ich hoffe, dass er die Nacht gut übersteht. Als wir weiterfahren, ist sein Begleiter, das Teelicht, bereits ausgegangen.
Wenn du eine Person siehst, die offensichtlich Hilfe braucht: Den Hilfebus Chemnitz erreichst du über das Kontaktformular auf ihrer Website oder während der Fahrten dienstags und freitags zwischen 18 und 21 Uhr unter der Nummer 0155 65755931.
Text: Ottilie Wied / Foto: privat