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Rendezvous am Busdepot

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Habt ihr euch schon mal gefragt, wie entschieden wird, welcher Bus wo lang fährt? Autorin Lydia Gruner, Märchen-Preisträgerin 2025, hat keine Mühen gescheut und sich heimlich abends ins Busdepot geschlichen. Und was soll man sagen? Auch ein Bus ist nur ein Mensch!

Abends, wenn die Sonne hinter den Horizont klettert und es in den Chemnitzer Straßen langsam ruhiger wird, versammeln sich alle Busse der CVAG auf dem Busbetriebshof zur alltäglichen Dienstbesprechung, um die Ereignisse des Tages auszuwerten. Nach schwülheißen Sommertagen wie diesem, gibt es besonders viel zu besprechen … „Also nochmal von vorn“, tönt eine Stimme über den Hof. Gustav leitet die Besprechungen jeden Tag. „Laurie hatte zwar drei Rollstuhlfahrer unterzubringen, aber dafür auch äußerst hilfsbereite Helfer an Bord, Gerd sollte in sechs Sprachen übersetzen, obwohl er nur Sächsisch spricht und Tommy sollte vor einem plötzlich aufgetauchten Bauzaun umkehren. Jetzt fehlen noch Richie und dann…

Wo ist eigentlich Richie? Er müsste doch schon längst da sein.“

Gustav runzelt die Stirn. Unpünktlichkeit kann er nicht leiden. „Hier bin ich!“, ruft plötzlich jemand außer Atem. Der heranfahrende Bus wirkt etwas … zerzaust. Die Zahlen und Buchstaben auf seiner Anzeige sind wild durcheinander gewürfelt und der blau-gelbe Lack sieht mitgenommen aus. Schwitzend kommt er bei den anderen an. „Was zur rasenden Großraumlimousine ist denn mit dir passiert?“, ruft Laurie quer über den Hof. Sie ist ziemlich neu – ihr Lack glänzt wie frisch poliert – und nimmt nie ein Blatt vor den Mund. Wie auch jetzt.

„Ich glaube, du musst mal wieder zum Friseur!“

„LAURIE!“, schallt es von mehreren Seiten.

„Ja ja, sorry“, nuschelt sie nur und zieht den Kopf ein. Die Betriebshof-Etikette hat sie bislang nie ernst genommen. „Code Sauna ist passiert“, schnauft Richie indes. „Klima ist ausgefallen. Kuschelige 43 °C im Innenraum. Ich schwitze wie die Sa…hara.“

Ringsum klappt allen Bussen die Kinnlade herunter. Gustav räuspert

Sich. „Richie, können wir irgendetwas für dich tun, bis du einen Termin in

der Werkstatt bekommst?“ „Nee“, erwidert er. „Ich brauche einfach nur ein schattiges

Plätzchen, um wieder abzukühl–“

„Ich habe noch eine Frage!“, fällt Laurie ihm da ins Wort. „Morgen habe ich um 14 Uhr eigentlich einen Poliertermin und wollte fragen, ob ich dann eventuell auf der Zwickauer Straße einen Zwischenstopp–“

„Laurie! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht ständig deine Route ändern kannst, nur weil du ins Fahrzeugmuseum willst? Beim nächsten Mal hagelt es Nachtfahrten!“, schilt Gustav sie. Laurie zieht wieder den Kopf ein. „Ja ja, hab schon verstanden.“

Ein wenig beleidigt fährt sie ein paar Meter zurück in den Schatten. Und landet neben Richie, dem immer noch der Schweiß auf der Stirn steht. Sie schielt zur Seite. Mit ihrer Klimaanlage hatte sie noch nie Probleme. Schließlich ist sie ja noch jung und äußerst stolz auf ihre

Makellosigkeit. Richie sieht man dagegen an, dass …

„Was ist?“, brummt es da neben ihr. Laurie schreckt auf. „Was? Ich, ähh, nichts. Ich wollte nur…“ Oh je, jetzt hat er sie beim Starren erwischt! „Ich wollte … fragen, was das da für ein Sternbild ist“, improvisiert sie schnell.

„Das glaubst auch nur du.“

„Nein! Ich … also …“ Und ehe sie darüber nachdenken kann, sagt sie: „Ich wollte fragen, ob ich morgen deine Schicht übernehmen soll. Meine Route ist entspannter, dann können wir tauschen.“ Richie dreht sich zu ihr. „Meinst du das ernst?“

„Ja“, sagt Laurie mit fester Stimme. Er zögert kurz. Dann verzieht sich sein Mund zu einem breiten Bus-Lächeln. „Danke. Und das dort oben“, er blickt zum Sternenhimmel, „ist der Große Shuttlewagen.

“Rendezvous am Busdepot - In dieser Nacht lernt Laurie nicht nur unzählige Sternbilder, sondern auch, was es heißt, eine gute Freundin zu sein.

Ein Märchen von Lydia Gruner

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