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Speak Out Loud

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Es ist ein sonniger Freitag, als ich die Hallen von Radio T betrete. Hinter einer unscheinbaren Tür treffe ich auf Fatima, Carolina und Valérie, drei Frauen, deren Stimmen Chemnitz hörbar machen. Sie sind Teil der migrantischen Redaktion Speak out loud, einem Radiokollektiv, das aus dem Bedürfnis entstanden ist, Erfahrungen sichtbar zu machen, die im Stadtgespräch lange keine Plattform gefunden haben.

Was die drei verbindet, ist mehr als ihre Mitarbeit beim freien Radio. Alle kamen in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren nach Deutschland, in eine Stadt, in der Migrant*innen damals kaum präsent waren, außer als Arbeitskräfte im Hintergrund. In diesem System aufzuwachsen, bedeutete für sie auch, rassistische Erfahrungen zu machen und sich immer wieder erklären zu müssen. Mit Speak out loud haben sie sich einen Raum geschaffen, in dem genau diese Perspektiven Platz haben: selbstbestimmt, solidarisch und laut für eine Stadtgesellschaft, die vielfältiger ist, als sie oft wahrgenommen wird.

Valérie kommt aus Frankreich. In Berlin fiel sie kaum auf, die Stadt war schon vor Jahrzehnten divers. In Chemnitz änderte sich das schlagartig. Eine andere Sprache zu sprechen reichte aus, um Blicke auf sich zu ziehen. Obwohl sie Weiß ist, kennt auch sie dieses Gefühl, nicht ganz dazuzugehören. Fremd gelesen zu werden, obwohl man längst angekommen ist. Carolina kommt aus Venezuela. „Ich werde angeguckt, weil ich dunkelhäutig bin und sobald ich einen Raum betrete, ist klar, dass ich eine „Ausländerin“ bin.“, sagt sie nüchtern. Ihre Mutter habe ihr früh geraten, sich nicht darin zu verlieren: “Lächle, mehr kannst du nicht machen.” Doch manche Situationen lassen sich nicht einfach weglächeln. In ihrer früheren Arbeit als Physiotherapeutin waren diskriminierende Begriffe wie „Mulattin“ keine Seltenheit. Fatima ist mit drei Jahren aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Chemnitz ist ihr Zuhause, hier ging sie in den Kindergarten, zur Schule, studierte, hatte deutsche Freunde und einen deutschen Partner. Und doch blieb sie immer „fremd“. „Ich weiß manchmal gar nicht, warum mich die Leute angucken.“, sagt sie. Weil sie eine Frau ist? Migrantin? Weil sie im Rollstuhl sitzt? Oder wegen ihres Namens, der sofort als „muslimisch“ gelesen wird, obwohl sie keine Muslimin ist? Fatima vereint viele marginalisierte Gruppen in einer Person. In der Schule bedeuteten ständige Vergleiche Druck und offene Diskriminierung. Eine Lehrerin erklärte ihr, sie müsse sich mehr anstrengen als die anderen, um mithalten zu können, mit Verweis auf die „deutsche Vorzeigefamilie“. Heute sagt Fatima, sie habe gelernt, auf Durchzug zu schalten: “Ich kann nicht ständig darüber weinen”, betont sie nochmal. Und dennoch weiß sie: Ihr Alltag ist komplizierter als der vieler anderer, auch wenn sie sich selbst als „privilegierte Migrantin“ bezeichnet.

Aus Fatimas anfänglicher Idee ist inzwischen eine vielstimmige Radioredaktion geworden. Speak out loud besteht heute aus Fatima, Carolina, Valérie, Ghaida, Ghrofran, Olga und Heda, Frauen mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten, Sprachen und Perspektiven, vereint durch ein gemeinsames Anliegen: nicht länger nur Gegenstand öffentlicher Debatten zu sein, sondern selbst zu Wort zu kommen. Die Redaktion versteht sich als bewusster Gegenpol zu einer Medienrealität, in der noch immer über Menschen mit Migrationsgeschichte gesprochen wird, statt mit ihnen. Zu selten werden sie in Diskussionen einbezogen, die die gesamte Stadtgesellschaft betreffen. Mitmachen kann jeder, unabhängig von Herkunft, Vorerfahrung oder Deutschkenntnissen. Gerade weil die Redaktionsmitglieder selbst Migrantinnen sind, wissen sie, wo die Hürden liegen. Carolina spricht offen über Barrieren wie Sprache, Unsicherheit und das Gefühl, allein zu sein. Die Redaktion soll genau dort ansetzen: Austausch ermöglichen, gegenseitige Unterstützung bieten und Menschen helfen, in Chemnitz Fuß zu fassen. „Ich fange hier nochmal von vorne an und bin nicht alleine“, beschreibt sie das Gefühl, das Speak out loud vermitteln will.

Inhaltlich ist die Sendung bewusst breit aufgestellt. So widmen sie sich den Themen, wie es ist, zwischen zwei Kulturen zu leben oder sich aus migrantischer Perspektive etwas aufzubauen. Weitere Themen reichen von der Situation der Alevit*innen in Syrien über Diskriminierung und Vorurteile, Buchvorstellungen bis hin zu kulturellen Veranstaltungen in Chemnitz. Auch von Abschiebung bedrohte und betroffene Menschen, struktureller Rassismus und politische Entwicklungen finden ihren Platz. Jede Stimme darf sich thematisch einbringen und über das sprechen, was sie bewegt, persönlich wie gesellschaftlich.

Als ich die Hallen von Radio T verlasse, ist es mittlerweile dunkel. Ich bin gerührt und dankbar für das mir entgegengebrachte Vertrauen und den Austausch. Auch ich habe viel dazugelernt und war Teil eines Safespaces und weiblichen Empowerments, der mich gestärkt hat. Der Kreis schließt sich wieder bei Fatima: „Ich habe erst vor vier Jahren angefangen zu leben“, sagt sie. Bis zu ihrem 26. Lebensjahr habe sie vieles hingenommen, Erwartungen erfüllt, Rollen ausgehalten. Unglücklich, ohne genau zu wissen, wer sie eigentlich ist. Muslimin, obwohl sie es nicht ist. Antifaschistin in einem rassistischen System. Migrantin. Frau. Rollstuhlfahrerin. Zu viele Zuschreibungen, zu wenig Raum für das Eigene. „Also dachte ich irgendwann: scheiß drauf. Ich bin jetzt das, was ich fühle.“

Instagram: speakl_out

Website: https://2022.radiot-chemnitz.de/index.php/projekte/speakoutloud

Text: Paula Thomsen / Foto: privat

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