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In Chemnitz gibt es nicht mehr viele Geister und Gespenster. Das vorletzte lebte im Rathaus und wurde vom Stadtrat eingespart. In dieser Geschichte geht es um das vielleicht letzte, nun ja, lebende Exemplar.
Die Geschichte habe ich von einem Freund, nennen wir ihn Markus, der viel Zeit in der Stadtbibliothek verbringt. Schon als kleines Kind war er häufig mit seinem Vater hier und später, als er selbst mit Bus und Bahn die Stadt erkunden konnte, war hier sein liebster Ort. Mit einem Buch kannst Du überall hin reisen, ohne Dich auch nur einen Zentimeter bewegen zu müssen, sagt er gerne. Praktisch für Faule und sehr umweltschonend!
Aber wo war ich? Eines Abends im November hatte Markus die Zeit vergessen. Er hatte sich gemütlich in die Leseecke in der Kinderbuchabteilung gelümmelt, war über einem Buch eingeschlafen und blieb von den Mitarbeitenden unentdeckt, als sie gingen und das Licht ausschalteten. Als Markus die Augen aufschlug, war es dunkel, abgesehen vom Licht der Straßenlaternen in den Fenstern. Nicht weit von ihm sah er ein schwaches, blaues Leuchten, das durch die Gänge huschte. Erst dachte er, es sei ein Wachmann mit einer Taschenlampe. Unsicher, ob er Ärger bekommen würde, wenn er sich zu erkennen gab, schlich er darauf zu. Umso näher er kam, desto mehr wunderte er sich: Immer dort, wo das Licht war, hörte er
Bücher zu Boden plumpsen. Wollte der Wachmann die Mitarbeitenden
ärgern? Oder war es – ein Einbrecher?!
Markus ging näher an das Regal, hinter dem das Licht umherschwirrte. Dann, ganz langsam, um nicht entdeckt zu werden, lugte er herum. Was er sah, erschreckte ihn so sehr, dass er einen Schrei nicht unterdrücken konnte. Denn dort schwebte, eine Handbreit über dem Boden, ein echtes Gespenst! Ein halb durchsichtiges Laken mit zwei kreisrunden Öffnungen als Augen und einem staunenden Loch darunter als Mund.
Das Gespenst hielt inne, als es den Schrei hörte und kam zu Markus geschwebt. Es schaute ihn mit großen Augen an, mein Freund schaute staunend zurück. Neugierig betrachtete ihn das Gespenst und sagte mit einer Stimme, die von überall zukommen schien: „Duuuhuuu Freund?” Das dasTIETZ-Gespenst - „Ja”, antwortete Markus mit zitternder Stimme. Da zog ein schauriges und zugleich glückliches Grinsen in das Gespenstergesicht. Es schwebte wieder zum Regal. Markus folgte ihm, dann zog das Gespenst ein Buch heraus und es fiel zu Boden. Es schaute erst nach unten, dann zu Markus und wartete auf eine Reaktion.
Der lächelte zaghaft, denn er wollte das Spukwesen nicht wütend machen. Dann stellte er das Buch wieder hinein. "Wie heißt Du?", fragte er das Gespenst. „TIETZian”, antwortete es. Markus schmunzelte. "Kannst Du lesen?", wollte er wissen. Da machte TIETZian nur noch größere Augen. Markus verstand: Offenbar zog das Gespenst die Bücher aus dem Regal, weil es sonst nichts damit anzufangen wusste. Markus nahm ein Leseanfänger-Buch mit Gruselgeschichten, ging zur Leseecke und bat TIETZian, ihm zu folgen.
In dieser Nacht brachte Markus dem gelehrigen Gespenst die Freude an Geschichten bei. Er erfuhr, dass TIETZian früher im Keller gewohnt hat, bis der 2013 überschwemmt wurde. Das Gespenst musste fliehen, denn es verabscheute Wasser. Nun versteckte er sich tagsüber in einem dunklen Karton im Stadtarchiv; abends kam er heraus, schwebte in dem großen Haus umher und vertrieb sich die Zeit.
Als es zu dämmern begann, stellten die ungleichen Freunde wieder alle Bücher ins Regal. Die Mitarbeitenden staunten nicht schlecht, als sie das erste Mal seit Jahren morgens nicht aufräumen mussten – der Spuk war vorbei! Und als sie Markus schlafend in der Leseecke fanden. Eine junge Kollegin glaubte Markus' Geschichte und bat ihn, ab und zu nachts wiederzukommen und TIETZian zu helfen. Denn eine Bibliothek für alle muss auch für Gespenster ein Ort zum Lesen und Lernen sein. Tja, und so wurde Markus Lesepate für ein Gespenst.
Text: Marcus Lehmann