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Seit 2022 wird das Schauspielhaus in Chemnitz nicht mehr bespielt. Im vergangenen Jahr wurde das Gebäude durch das Bündnis C the Closed besetzt. Im Juni 2026 bringt nun das Kunstfestival Begehungen neues Leben in das traditionsreiche Schauspielhaus und macht es erneut zum Schauplatz großer Fragen nach Wirklichkeit, Wahrnehmung und seiner eigenen Zukunft. 371-Redakteurin Ottilie Wied mit einem Blick auf die Geschichte und Gegenwart des Schauspielhauses.
Die Recherche dieses Artikels beginnt ungeplanterweise schon vor einem Jahr, bei der Besetzung des Schauspielhauses. Hier nehme ich bereits an einer Führung durch das Haus von Matthias Rentzsch teil. Schon zu diesem Zeitpunkt wurden die Zuganlagen, also die Technik, mit der Kulissen und Bühnenelemente bewegt werden, im Auftrag des Theaters bereits gänzlich ausgebaut. Eines der kleineren Todesurteile des Hauses.
Für diese Recherche werde ich Matthias Rentzsch noch später zu einem Interview im Spinnbau treffen. Kaum jemand kennt das Chemnitzer Schauspielhaus so gut wie er. Bereits in den 1970ern stand er als Komparse auf der Bühne, seit 1983 arbeitet er als Bühnentechniker im Haus, seit den 1990ern als Bühnenmeister.
Die Geschichte des Schauspielhauses an der Zieschestraße reicht bis in die 1950er Jahre zurück. Nachdem das frühere Gebäude an der Theaterstraße durch den Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört worden war, wurde ab 1951 der umgebaute Festsaal eines Altenheims an der Zieschestraße als Interimsspielstätte genutzt. Übergangslösungen scheinen in Chemnitz wirklich lange Tradition zu haben.
1976 brannte das Gebäude kurz vor der Premiere des Stücks Tinka von Volker Braun ab, ein Werk, das die Widersprüche zwischen den politischen Idealen des Sozialismus und ihrer tatsächlichen Umsetzung in den Betrieben verhandelte. Lange hielt sich das Gerücht, die Stasi habe das Feuer gelegt. Matthias Rentzsch, verweist hingegen auf eine deutlich profanere Ursache: „Der Auslöser war ein Blitzlichtgerät.“
Ein junger Pförtner, ausgerechnet wirklich der Sohn eines Stasi-Offiziers, soll dieses Gerät während seiner abendlichen Runde ausprobiert haben. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Gerät noch in der Unterbühne, war noch am Stromnetz angeschlossen und erhitzte sich zunehmend. Schließlich fing die Umgebung Feuer und breitete sich auf die Bühne aus. [
Daraufhin wurde das Gebäude bis 1980 wieder aufgebaut, und zwar in der Form, wie wir es heute kennen. Es geht auf Entwürfe des Architekten Rudolf Weißer zurück, der ebenso für die einzigartige Erscheinung der Chemnitzer Stadthalle verantwortlich ist.
„Für DDR-Verhältnisse war das damals das modernste Schauspielgebäude, das es gab, weil es auch die modernste Technik hatte, z. B. eine richtig gute Tonanlage aus Ungarn. In Faust hörte man einen Hund kläffend um die Zuschauer rennen.“, so Matthias Rentzsch.
Jahrzehnte später weht zu den Begehungen trotz Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke ein unruhiger Wind durchs Schauspielhaus. Inhaltlich kreist das Kunstfestival in diesem Jahr um eine erkenntnistheoretische Grundfrage: Wie entsteht Wirklichkeit, und wer entscheidet in Zeiten von KI und Plattformlogiken darüber, was wir sehen und welche Vorstellungen der Welt daraus entstehen? Zur Eröffnung verabschiedet die Kuratorin Claudia Tittel alle Anwesenden mit den Worten: „Herzlich willkommen zu der hoffentlich nicht letzten Vorstellung.“
In der Nebenbühne, die früher Kulissen beherbergte und nun nur noch von farbigen Vinylvorhängen und Installationen bespielt wird, treffe ich den ehemaligen Schauspieler Stefan Schweninger. Von 1973 bis 2008 wirkte er als Schauspieler bei mehr als hundert Produktionen im Haus mit. Schweninger spricht mit Wärme von den Möglichkeiten, die das Schauspielhaus einst bot. „Wie oft bin ich hier erschossen oder vergiftet worden“, sagt er. Heute jedoch gleicht der Gang durch das Gebäude für ihn eher einem Weg durch ein Totengewölbe. „Wenn die Begehungen hier weg sind, wird hier wahrscheinlich endgültig Ruhe sein“, sagt Schweninger resigniert.
Über die Jahre wurden viele Räumlichkeiten in dem Gebäude erschlossen, wie der Ostflügel oder die Figurentheaterbühne. Nach aktuellen baurechtlichen Vorgaben müssten diese Bühnen und im Falle einer Sanierung des Hauses wahrscheinlich in einen Anbau dahinter ausweichen. Geschlossen wurde es damals ursprünglich für brandschutztechnische Ertüchtigungen. Die Rechnung für Dinge, die gemacht werden sollen, wurde jedoch auch zunehmend länger, ebenso auch die Kosten. Die derzeitigen Kalkulationen für eine vollständige Ertüchtigung des Hauses belaufen sich auf rund 69 Millionen Euro. Dem gegenüber steht der Spinnbau. Was hier jedoch aktuell noch fehlt: eine hinreichende Vollbühne.
„Ohne Bühne fehlt das Herzstück des Theaters. Dort entsteht schließlich das, was Schauspiel ausmacht. Und wir als Techniker, Beleuchter und alle anderen Gewerke sind Teil eines Organismus. Erst wenn alle zusammenwirken, entsteht ein Stück. Die Regie gibt die Richtung vor, aber viele Dinge lassen sich ohne die entsprechende Bühnentechnik schlicht nicht umsetzen, ob etwas von oben herabkommt, jemand durch die Luft schwebt oder im Boden verschwindet. Die Möglichkeiten im Spinnbau sind hier eingeschränkter und Verwandlungen nur schwer möglich“, so Matthias Rentzsch.
Eine weitere Variante sieht deshalb die Errichtung eines neuen Schauspielhauses mit Bühnenraum und Bühnenturm auf dem Gelände des Spinnbaus vor. Das Szenario sieht dabei die Weiternutzung bestehender Gebäude für Proberäume, Fundus, Gastronomie und Verwaltung vor. Die Kosten für dieses Modell werden derzeit auf rund 56 Millionen Euro geschätzt.
Ende Mai dieses Jahres hatte die Stadt Chemnitz beschlossen, 40 Millionen Euro aus dem Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ für Oper und Theater auszugeben. Für 20 Millionen soll davon auch perspektivisch das Opernhaus saniert werden.
Vielleicht ist die Zukunft des Schauspielhauses am Ende vor allem eine Willensfrage. Denn die eigentliche Debatte dreht sich längst nicht mehr um Millionenbeträge, sondern darum, welchen Stellenwert das Schauspiel in Chemnitz künftig haben soll. Und das offenbart zeitgleich viel über die eigenen kulturpolitischen Ambitionen.
Text: Ottilie Wied
Foto: Luise Müller