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„Es begann schleichend: ein heruntergeschlucktes Wort hier, ein Kompromiss zu viel dort. Bis ich mich in meiner Beziehung Stück für Stück verloren hatte und fast unsichtbar wurde.”
In ihrem kürzlich erschienenen Buch “Maskenspiel” erzählt die Chemnitzerin Lena Sommer schonungslos offen von ihrer Gefangenschaft in einer toxischen Beziehung, von psychischer Gewalt und emotionaler Abhängigkeit. Sie berichtet über den Moment, in dem sie ihr Schweigen brach, begann, Fragen zu stellen, und sich Schritt für Schritt aus dieser belastenden Beziehung lösen konnte.
Heute möchte sie mit ihrer Geschichte anderen Mut machen und zeigen, dass es einen Weg zurück zu sich selbst gibt. Unsere Redakteurin Paula Thomsen wollte wissen, wer die Frau hinter diesem Buch ist und wie Lena Sommer den Weg zurück zu sich selbst gefunden hat.
Wie entwickelte sich aus einer Beziehung, die zunächst Nähe und Vertrauen vermittelt hatte, zunehmend Kontrolle?
Ich würde sagen, es war ein schleichender Prozess, der sich über die gesamte Zeit hinweg entwickelt hat. Irgendwann bin ich nicht mehr „alleine“ rausgegangen, weil er überall mitkommen wollte. Ohne ihn war es nicht „möglich“; dann hieß es, andere Menschen wären mir wichtiger als er. Mein Alltag bestand irgendwann nur noch aus Arbeit, nach Hause kommen, kochen, putzen, Wäsche machen, seine Unordnung beseitigen und ständig für ihn da zu sein. Was ich selbst wollte oder nicht wollte, wurde zunehmend nicht mehr berücksichtigt.
Was hat die emotionale Abhängigkeit mit deiner eigenen Wahrnehmung gemacht?
Viel. Irgendwann glaubte ich eigentlich nur noch ihm, seine Wahrheit wurde zu meiner Wahrheit. Ich verlor nach und nach das Vertrauen in mich selbst, in andere Menschen und irgendwann gefühlt in alles. Alles, was andere mir sagten, hielt ich für falsch, obwohl das natürlich nicht so war. Ich dachte irgendwann sogar, dass ich überreagiere, wenn ich ihm widersprach oder mich gegen etwas wehrte. Dabei wäre genau das richtig und wichtig gewesen. Aber durch seine ständigen Vorwürfe hatte ich das Gefühl, ihm gegenüber immer etwas falsch zu machen.
Welche Verhaltensweisen hast du damals als besonders belastend erlebt?
Egal, wie sehr ich mich bemüht habe, ich hatte fast nie das Gefühl, es ihm recht machen zu können. Ob es um das Essen ging oder darum, wie ich mich angezogen habe, ständig gab es etwas auszusetzen. Das Essen sollte immer „schärfer“ sein, genauso wie meine Outfits. Besonders belastend war für mich sein Verhalten im Schlafzimmer. Ein „Nein“ wurde nie akzeptiert. Das hat mich psychisch sehr belastet, teilweise wurde ich sogar aus dem tiefsten Schlaf geweckt. Auch darüber schreibe ich in meinem Buch. Was mich ebenfalls sehr beschäftigt hat: Nach außen war er für andere der beste, tollste und liebste Mann überhaupt. Sobald wir jedoch alleine waren, fiel diese Maske und sein Verhalten veränderte sich völlig.
Warum ist es deiner Meinung nach so schwer, von außen zu erkennen, was in einer solchen Beziehung passiert?
Es fällt Außenstehenden oft schwer zu glauben, dass der nette, liebe und charmante Mann, den sie kennen, sich hinter verschlossenen Türen ganz anders verhält. Dann denkt man schnell: „Das kann doch gar nicht so schlimm sein. Vielleicht hast du einfach etwas falsch verstanden oder überinterpretiert.“ Zum anderen trauen sich viele Betroffene, so wie auch ich lange Zeit, überhaupt nicht, darüber zu sprechen. Aus Scham, aus Angst vor den Konsequenzen oder auch aus Sorge, was die eigene Familie oder das Umfeld über einen denken könnte. Genau deshalb bleibt vieles lange unsichtbar.
Warum ist es so schwer, sich daraus zu lösen?
Irgendwann „gewöhnt“ man sich leider an Vieles, selbst an Dinge, die einem eigentlich nicht guttun. Gleichzeitig entwickelt man eine enorme Angst davor, was der Partner tun könnte, wenn man sich trennt oder sich gegen die Beziehung stellt. Bei mir fielen Sätze wie: „Ohne dich kann ich nicht leben“ oder „Willst du unsere Beziehung wirklich wegwerfen, nur weil ich einmal einen Fehler gemacht habe?“ Solche Aussagen haben bei mir zusätzlich Schuldgefühle ausgelöst und dafür gesorgt, dass ich immer wieder an meiner Entscheidung gezweifelt habe. Dazu kam, dass ich für mich selbst irgendwann keine Zukunft mehr gesehen habe. Mir wurde immer wieder vermittelt, dass es nur für uns beide eine Zukunft gibt; gemeinsam. Alleine, ohne ihn, wäre ich nichts und nicht überlebensfähig.
Gab es jemanden, der dir in dieser Zeit geholfen hat?
Ja, zum Glück meine Familie und meine Freunde. Alle standen hinter mir. Vor allem, nachdem ich mich ihnen vollkommen geöffnet und anvertraut hatte.
Wie würdest du die Frau beschreiben, die du warst, bevor diese Beziehung begann?
Ich war eher zurückhaltend und auf der Suche nach einem festen Anker im Leben. Ich habe vieles gemacht, was andere von mir wollten, und mich oft nicht getraut, meine eigene Meinung zu sagen oder für mich einzustehen.
Wer bist du heute?
Heute bin ich eine junge Frau, die wieder Freude an den unterschiedlichsten Dingen hat – egal, ob beim Sport, beim Ausmalen von Malbüchern oder einfach dabei, meine Musik zu hören, wann ich möchte. Ich sage meine Meinung, auch wenn ich nicht weiß, wie andere darauf reagieren werden. Und vor allem bin ich stolz auf das, was ich geschafft habe und darauf, wie weit ich gekommen bin. Ich kann mein Leben gestalten, wie ich es möchte. Ich kann mich kleiden, wie ich will, Dinge machen, wenn mir danach ist und selbst entscheiden, was mir guttut. Sport um 21 Uhr? Egal! Mittagessen um 14 Uhr? Klar!
Was hast du von dir selbst zurückerobert?
Danke für die Frage! Darüber habe ich tatsächlich noch gar nicht so richtig nachgedacht. Ich glaube, es ist gar nicht so tiefgründig. Ich habe einfach mein Lachen zurückerobert; ein ehrliches Lachen, bei dem ich wirklich Spaß und Freude empfinde. Ich habe wieder gelernt, Dinge zu genießen, Glück zu empfinden und einfach unbeschwert sein zu können. Und genau das bedeutet mir heute sehr viel.
Was wünschst du dir von Menschen, die eine/n Betroffene/n in ihrem Umfeld vermuten?
Ich wünsche mir vor allem, dass man Betroffenen Hilfe anbietet und ihnen signalisiert: Du bist nicht allein. Wenn die Person nicht direkt mit einem darüber sprechen möchte, kann man sie auf kostenlose und anonyme Hilfsangebote aufmerksam machen. Einige davon habe ich auch hinten in meinem Buch aufgelistet. Lieber einmal mehr nachfragen als einmal zu wenig. Es ist völlig normal und wichtig, sich Unterstützung zu holen.
Gibt es ein Warnsignal, was du heute besonders ernst nehmen würdest?
Ja, vor allem bestimmte Sätze würde ich heute sehr ernst nehmen. Zum Beispiel: „Nur ich kann dich so lieben“, „Nur ich verstehe dich wirklich und weiß, wer du bist“, „Das habe ich nie so gesagt“, „Das bildest du dir nur ein“ oder „Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann würdest du das tun.“ Auch Drogenkonsum und hohe Schulden würde ich heute als deutliche Warnsignale wahrnehmen. Bei mir bedeutete das irgendwann, dass ich für alles aufkommen und die finanziellen Folgen mittragen musste.
Was möchtest du Menschen mitgeben, die möglicherweise gerade selbst in einer solchen Beziehung stecken?
Bitte suche dir Hilfe, vertraue dich einem Menschen an! Nutze die Hilfsangebote. Auch Selbsthilfegruppen sind eine tolle Sache.
Was sollen Leser:innen nach der letzten Seite mitnehmen?
Der Satz wurde wahrscheinlich schon sehr oft verwendet, aber ich finde, er passt trotzdem: „Nichts ist unmöglich.“ Du kannst alles schaffen, alleine oder mit Hilfe, völlig egal. Auch wenn es sich vielleicht irgendwann nicht mehr so anfühlt: Du wirst wieder glücklich sein.
“Maskenspiel” erhältlich im Buchhandel und als E-Book.
Text: Paula Thomsen l Foto: magnific.com (KI-generiert)