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Chemnitz ist 2025 ein anderes geworden. Orte, die einst an urbane Steppe erinnerten, wurden von Touris geflutet. Infolgedessen avancierte der Nischel zum Mekka ostdeutscher Breitengrade, das I-love-C-Schild zum sächsischen Hollywood-Sign und der Kaßberg zum Paris des kleinen Mannes. Doch wie nachhaltig bleibt das kulturelle Erbe nach 2025, wenn die Stadt auf Sparflamme haushaltet? 371-Redakteurin Ottilie Wied mit einer persönlichen Observation des aktuellen Status Quo.
Wenn es einen Ort gibt, der Chemnitz für mich jahrelang bestens beschrieben hat, dann war es die Bazillenröhre. Nach ihrem Rebrand 2021 und den die Wände schmückenden Kraftklub-Lyrics „Ich wär’ gern weniger wie ich, ein bisschen mehr so wie du“ war es lange die beste Einschätzung, mit welcher man Chemnitz’ jahrzehntelang anhaltende Identitätskrise bestens beschreiben konnte: Als ungeliebtes Sandwichkind zwischen Dresden und Leipzig war es vermeintlich nie so schön wie Dresden und nie so hip wie Leipzig.
2025 war dem weniger so. Chemnitz war für mich, als junger Mensch, die vielleicht lebenswerteste Version seiner selbst, die ich mir hätte vorstellen können. An einem random Sonntag unter dem Chemnitz-Viadukt raven, in einer staubigen Garage einer Lesung lauschen, auf dem Theaterplatz der Band Blond zuhören, wie sie, begleitet vom Symphonieorchester, über das Sich-selbst-Lecken sinnieren – einfach geil.
Doch genau hier beginnt das Dilemma. Die Stadt kündigt an, zentrale Kulturhauptstadt-Formate langfristig sichern zu wollen, so wie das Hutfestival, der Parksommer oder das Kosmos-Festival. Gleichzeitig tritt ab kommendem Jahr die kommunale Haushaltssperre in Kraft. Die Folge: Museen müssen ab 2026 einen zusätzlichen Schließtag einführen, der freien Szene werden 800.000 Euro gestrichen.
Besonders hart trifft es hierbei diejenigen, die sich jenseits des Kulturhauptstadt-Geschehens in den Bereichen Bildung, Kultur oder Jugendarbeit engagieren. Die Akteure, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, an nachhaltigen Angeboten mit gesellschaftlichem Impact für die Stadt arbeiten. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Chemnitzer Filmwerkstatt, wo im kommenden Jahr ebenso Gelder wegfallen sollen. Eine finale Entscheidung soll im Dezember fallen. „Klug ist das nicht, denn wer heute an Jugend und Bildung spart, wird später draufzahlen. Als Folge verlieren viele junge Leute Workshop- und Ferienangebote und einen zentralen Anlaufpunkt, um sich medial auszuprobieren“, so Sebastian Steger, Medienpädagoge der Filmwerkstatt.
Und genau darin liegt das Problem: Was Chemnitz wirklich lebenswert macht, sind nicht die großen Events, sondern die Orte, an denen Menschen zusammenkommen, sich ausprobieren und wachsen können. Die Räume, die nicht nur bespielt werden, sondern befähigen. Dort den Geldhahn zuzudrehen, ist ein Angriff auf die Chemnitzer Zivilgesellschaft und lässt sich nicht durch eine Handvoll Großveranstaltungen kompensieren.
Text: Ottilie Wied | Fotos: Privat