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Jammen statt Jammern

Soul aus Chemnitz

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„Wir machen einen Haufen guten Scheiß, und keiner hört's“, stellte Soulsister Lin Baker letztes Jahr fest und schritt gemeinsam mit ihrer Band „and the“ in die Südwand-Studios, um eine EP aufzunehmen. Seit Januar kann man nun „Cigarettes and Whisky“ in Chemnitz kaufen.

Nach welcher Musik klingt Chemnitz? Nach Industrial Techno, Postsozialem-Punk,[nbsp] erzgebirgischer Volksmusik? Vielleicht. Aber Chemnitz und Soul? Das erscheint so unvereinbar wie Busfahrer und gute Laune, wird der Stadt von Skeptikern doch immer wieder Seelenlosigkeit vorgeworfen. Wobei Motown – also Detroit – auch nicht unbedingt als Paris des Westens gilt und eine vergleichbar behäbig ächzende Industriegeschichte hat wie Marxtown. Und in dieser sind nun „Lin Baker and the“ angetreten, der Stadt endlich mehr Soul zu verleihen. Auch wenn Linda findet, dass sich Chemnitz musikalisch eher nach Blues anfühlt, dem traurigen großen Bruder des Souls, sollte man ihr diese Frage lieber gar nicht erst stellten: Wie die Stadt ihre Songs beeinflusst. Die Antwort darauf ist ein leidenschaftliches „Ich hasse diese Frage!“. Weil es vor allem die eigene Persönlichkeit ist, finden Linda und ihr Gitarrist Richard, die das Songwriting bunt färbt – die kann zwar auch manchmal unter dem Eindruck einer grauen Stadt stehen, aber das passiert eher selten.

Lin Baker mag Kaffee, kein Fleisch, bezeichnet sich selbst als „computermäßige Null“, stand gefühlt schon hinter jeder Bar dieser Stadt und arbeitet hauptberuflich als Betreuerin für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Eigentlich Kind des HipHops, hat sie als Rapperin angefangen, dabei ihre crispig-soulige Singstimme entdeckt, seit 2013 macht sie gemeinsam mit „and the“ etwas, das sie Akustik Soul nennt und jetzt auf einer EP mit dem beseelten Titel „Cigarettes and Whisky“ festgehalten hat. Ein dreiviertel Jahr haben sie und ihre Band, bestehend aus Richard, Adrian und Rob, also Gitarre, Schlagzeug und Bass, im Studio an der EP gearbeitet, und dabei nicht nur die eigenen Songs, die meist aus ungezwungen, freien Jams und großen Emotionen heraus entstehen, sondern auch das Bandgefüge ganz neu entdeckt. „Da gibt es schon Reibungspunkte, an denen man als Band aber wächst“.

Generell gilt die grundoptimistische Devise: Jammen statt Jammern! Zwar sind die Songs auf der EP von entspannter Melancholie durchzogen, und von daher nicht für die Primetime geeignet, doch jetzt soll Schluss sein mit dem „grenzenlosen Geningel“. „Unsere Musik wird gerade etwas straffer, auch schroffer“, sagt Gitarrist Richard. Apropos straff: Wie arbeitet es sich denn unter einer Bandleaderin, die wohl nicht umsonst Teil des Künstlerinnen-Netzwerkes DieDa ist? „Von uns allen hat sie definitiv die dicksten Eier“, sagt Richard. Und Linda? „Ich versuche es mit Demokratie, aber wenn keiner meiner Meinung ist, dann...“

Text: Johanna Eisner Foto: Christin Busch

Erschienen im Heft 03/16

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