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Kreative Vereinigung

Brauchen Kreative eine Lobby?

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Dass es in Chemnitz ganz viel sehr erfolgreiche Maschinen- und Anlagenbauer gibt, Industrie und Mikroelektronik boomen, erfahren wir aus Wirtschaftszahlen zum Standort. Aber wer hat schon mal von der sogenannten Kreativwirtschaft gehört?

Die Wertschätzung für die Arbeiter aller Länder ist in Chemnitz auf der Brückenstraße in Stein gemeißelt. Aber vielleicht schaut der Marx ja bei mancher Berufsgruppe ein bisschen grimmiger als bei anderen. Denn wie das mit den Künstlern und Denkern aussieht, darüber schweigt sich das Philosophenmonument aus. Die Kreativwirtschaft ist quasi Neuland. Eben entdeckt, obwohl sie schon lang da war – so wie Amerika damals, als Kolumbus kam. Plötzlich muss man sich irgendwo definieren. Der Buchmarkt, die Filmwirtschaft, Werbeagenturen, Musik, Kunst, Presse, Rundfunk oder Computerspiele. Sie fielen bislang oft unter Sonstiges oder Dienstleistungen, doch Bund und Länder einigten sich 2009 auf eine Branchendefinition und gaben dem Kind einen Namen. Ein großes Wachstumspotential wird ihm nun zugeschrieben. Und tatsächlich kennen wir sie doch alle, nicht nur die großen Verlage und Medien, sondern vor allem die Klein- und Kleinstunternehmer, die sich als Schreiber, Grafiker, Programmierer verdingen und unseren Alltag gestalten. „Es ist eine ganz andere Branche, deren Vertreter sich oft eher als Künstler denn als Unternehmer begreifen", sagt Katja Großer vom Kompetenzzentrum Kultur- [&] Kreativwirtschaft des Bundes. Damit ist die Kreativwirtschaft wahrscheinlich der schillerndste Wirtschaftszweig, aber auch der am wenigsten ernst genommene.

Auf kleinem Posten
Im europäischen Bruttoinlandsprodukt kommt die Kreativwirtschaft auf gerade einmal 2,7 Prozent Anteil. Im Bewusstsein wirtschaftspolitischer Entscheidungsträger ist dieser Anteil wahrscheinlich deckungsgleich. Der Wirtschaftsbericht der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft CWE führt die Branche beispielsweise in keiner Statistik für 2011 auf. Die Klassiker Maschinenbau, Verarbeitendes Gewerbe und Metallerzeugnisse bilden hier den Schwerpunkt. Dass die Branche im Bericht nicht berücksichtigt werde, liege daran, dass die Zahlen seitens der IHK nach Schlüsseln zusammengestellt werden, in denen die Kreativwirtschaft nicht auftaucht, erklärt Ulrich Geissler, Geschäftsführer der CWE. Chemnitz sei zudem ein vom Mittelstand geprägter Standort und die Kreativwirtschaft vor allem in Städten mit Konzernen zu finden, die auch die nötigen Budgets beispielsweise für Aufträge an Werbeagenturen haben. Also gibt es keine Kreativen in Chemnitz, die wirklich Umsatz machen?

Die IHK, weiß auch Katja Großer, sei nur für Gewerbetreibende zuständig, viele Freiberufler hätten aber gar keinen Gewerbeschein, sondern nur eine Steuernummer. Immerhin 701 Betriebe im Bereich Kreativwirtschaft zählte der Kulturwirtschaftsbericht für den Freistaat Sachsen 2008 im Chemnitzer Unternehmensregister. Das sind 6,3 Prozent aller Betriebe. In Leipzig und Dresden sind über 8 Prozent. Klingt nicht nach Großmacht, aber zusammen mit den nicht erfassten Freiberuflern und Künstlern ergibt sich da schon ein guter Teil der hiesigen Berufstätigen, die man fragen darf, wie es ihnen geht.

Es darf lauter werden
Aber wollen die das auch? In Dresden und Leipzig haben sich inzwischen Interessenverbände wie "Wir gestalten Dresden" und "Kreatives Leipzig" gefunden. Die haben sich zusammengeschlossen, um mehr politisches Gewicht zu erhalten. In Chemnitz existieren solche Netzwerke höchstens informell und mit wenigen Partnern – man kennt sich eben. „Kreative treffen und vernetzen sich zwangsläufig bei der Erarbeitung von Ideen und Projekten", weiß Frank Müller, Inhaber der Chemnitzer Werbeagentur Haus E. „Wir haben eine Reihe von guten Kontakten in die Szene", sagt auch Ulrich Geissler, "aber eine Lobbyvertretung gibt es nicht". Ob es eine braucht, dabei ist auch Frank Müller gespaltener Meinung: „An einem sehr überschaubaren Standort wie Chemnitz braucht es zum Netzwerken keine institutionelle Unterstützung. Andererseits könnte eine solche Institution den 'Kreativstandort' Chemnitz nach außen repräsentieren beziehungsweise vermarkten."

Dass ein Anstoß nicht unbedingt aus der Branche kommen muss, zeigt das Beispiel des Freistaats Thüringen, der zum Jahresbeginn eine Agentur für Kreativwirtschaft aufbaute, die berät, Netzwerke betreut und Workshops gibt. Und natürlich die Bundesregierung und Katja Großer mit ihrer Initiative, die am 27. September auch nach Chemnitz einlädt. In der Konzeptbar auf der Fürstenstraße 41 können sich ab 16 Uhr Vertreter der Kreativwirtschaft ebenso wie jene der Stadtverwaltung und -politik Gehör verschaffen, kennen lernen und informieren. „Wir wollen ein erster Schritt zu mehr eigener Aktivität sein", sagt Katja Großer. Für beide Seiten kann das nur von Vorteil sein. Der Kreativbranche fehlt oft das Bewusstsein für den unternehmerischen Charakter ihres Tuns und vielleicht auch das Selbstbewusstsein, sich wirtschaftspoltisch zu positionieren. Wirtschaftsförderer und Politik hingegen könnten mit mehr Bewusstsein für die Branche noch manch unerschlossenes Potential für ihren Standort finden.

Dass aus Chemnitz durch Anlaufstellen und Interessenverbände eine Kunst- und Medienstadt wird, ist zwar unwahrscheinlich, aber dem Image und der Wirtschaftskraft der Stadt könnte etwas Aufmerksamkeit für die hiesige Kreativbranche sicher nicht schaden.

Text [&] Foto: Michael Chlebusch


Erschienen im Heft 08/12

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