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Von Ast und Langem Messer

Fechten als Wissenschaft

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Thore Wilkens (r.) hat’s mit dem Knie, Cornelius Berthold nutzt das gern für einen Angriff.

Ein Hieb ein Stich, das wars? Vom Mittelaltermarkt kennen wir das aber etwas anders. Wenn da gefochten wird, treppauf treppab durch Markt und Meute, da geht's schonmal Minutenlang zu Sache. Bei den historischen Fechtern in Chemnitz wird allerdings nicht so lang gefackelt. Je besser der Fechter, desto schneller der Kampf, erklärt Thore Wilkens. Nach zwei bis drei Sekunden wäre der oft entschieden. Das klingt vielleicht etwas unromantisch für Freunde von LARP, Jedi und Co. ist aber eines ziemlich sicher: historisch korrekt.

Dafür sorgt Thore Wilkens zu einem großen Teil auch selbst. Der studierte Germanist schrieb seine Bachelorarbeit über historische Fechtbücher, genauer über die dortige Beschreibung von Behelfswaffen (alles von der Sense bis zum Ast), seine Masterarbeit über ein Ringertraktat und seine derzeitige Dissertation ist vor allem dem Langen Messer auf der Spur. Das besondere an seiner Forschung ist, dass er sie selbst auf ihre Praxistauglichkeit prüft – das Heft in die Hand nimmt, sozusagen. Dabei sind die Quellen ziemlich genau. Ein Großteil der Fechtwerke aus dem 15. und 16. Jahrhundert bietet bebilderte Beschreibungen der damals empfohlenen Techniken. Vermeintliche Leerstellen, so der Germanist, seinen oft gar keine, sondern bekannte Grundlagen aus anderen Büchern. So fand auch das Ringen Einzug in seine Forschung, das viele Grundlagen, etwa der Beinarbeit beschreibt. Ohnehin sei das alles nicht klar zu trennen. Der Mittelalterliche Fechter war nicht zimperlich in der Wahl seiner Methoden. Wenn kein Platz zum Schwertstreich war, hieb er eben mit der Faust auf den Gegner ein oder warf ihn zu Boden.

In Deutschland versammeln sich im Dachverband historischer Fechter bereits etwa 1000 Mitglieder. Stellvertretender Vorsitzendes dieses Verbands ist Wilkens selbst. Den Vorsitz hat eine Frau inne - es ist kein Jungshobby, wie auch die Teilnehmerinnen einer Ende Februar im Schlossbergmuseum abgehaltenen Tagung zeigen.

Das Ziel der wissenschaftlich-sportlichen Betätigung ist weniger das Ritterspielen. Es sei, so Wilkens zum einen das Erkunden der Techniken, zum anderen auch der Erhalt eines lebendigen Kulturgutes, das viel mehr vermitteln kann, als ein rostiges Schwert im Museum. Eines davon haben die Chemnitzer sogar zum Leben erweckt. Das Schlossbergmuseum stellte ihnen das ehemalige Gerichtsschwert der Stadt Grimma zur Verfügung. Der 1,8 Kilo schwere Zweihänder wird von den Blossfechtern keinesfalls mit Samthandschuhen angefasst. Ein Schwert dürfe ruhig auch schartig sein.

Text [&] Foto: Michael Chlebusch

www.facebook.com/blossfechter

Erschienen im Heft 03/16

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