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Was vom Jahr übrig bleibt

Auf der Suche im Fundbüro

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Karin Kießling mit zwei Findlingen: Fuchs und Schaf warten auf Abholung.

Im Laufe eines Jahres geht so einiges verloren. Manches davon landet im Chemnitzer Fundbüro. Michael Chlebusch begab sich auf die Suche.

Es ist wieder Winter und der geht ja meist damit los, dass man zu Hause keine der drei Mützen wiederfindet, die man besitzen müsste und auch nur noch einen Handschuh. Das Verlieren solcher Dinge ist sicher ein Evolutionsschritt. Er hilft, durch Neukäufe die Wirtschaft in Gang zu halten. Manchmal möchte man Verlorenes aber doch gern wieder haben, weil es schön, wertvoll oder liebgewonnen ist. Dabei hilft unter Umständen der Gang zum guten alten Fundbüro.

Weg ist nicht immer weg
In Chemnitz findet der zerstreute Einwohner sein Fundbüro im Bürgerhaus am Wall. Wer es in der zweiten Etage betritt, fühlt sich unter Umständen direkt in seine Kindheit zurückversetzt. In einem großen Regal an der Wand liegen zahlreiche verlorene und abgegebene Gegenstände, vor allem, so scheint es, der Klassiker: „vergessene Turnbeutel“ reihen sich da wie in der Kammer des Schulhausmeisters aneinander. Hinter dem Tresen sitzt Karin Kießling. Sie arbeitet seit über 25 Jahren im Fundbüro und nimmt auch heute noch mit Ruhe und freundlichem Gemüt Gefundenes und Anfragen nach Verlusten entgegen. Damals wie heute verlieren die Menschen Dinge, das werde immer passieren sagt sie. Verändert hat sich, dass inzwischen viele Handys abgegeben werden, die einfach Gebrauchsgegenstände geworden seien, statt ein streng gehütetes Gut. Darüber hinaus findet sich so ziemlich alles wieder, was man mit sich herumträgt. Plüschtiere, Jacken, Taschen, ein ganzes Brett mit zahllosen Schlüsseln, Geldbörsen, jede Menge Regenschirme im Sommer, Schals und Mützen im Winter. Auch Bargeld wird abgegeben. „Da staune ich immer wieder. Es gibt doch ehrliche Leute“, sagt Mitarbeiterin Birgit Weiß.

Der Inhalt der zahlreichen Regale im Büro stammt natürlich nicht nur von Privatpersonen, auch Chemnitzer Einrichtungen wie Museen, Einkaufscenter oder die CVAG geben ihre Funde regelmäßig dort ab. Tiere werden an das Tierheim weitergeleitet und Lebensmittel vernichtet. Ansonsten gebe es zwar eine gesetzliche Bagatellgrenze von 10 Euro, aber wegschicken möchte man selten jemanden. Zum einen können Dinge ja auch einen ideellen Wert besitzen, zum anderen kommt, wer einmal weggeschickt wurde, vielleicht beim nächsten Fund nicht wieder. So kann es eben passieren, dass, wie zur Zeit, auch mal ein Zwölferpack Klopapier im Regal auf Abholung wartet. Better save than sorry. Wie manche Dinge überhaupt im öffentlichen Raum verloren werden können? „Wir hinterfragen das nicht mehr, für uns ist das Alltag“, geben sich die die beiden Damen gelassen.

Nur jede dritte Fundsache wird abgeholt
Sechs Monate wird alles beim Fundbüro aufbewahrt, dann geht der Bestand in Teilen entweder in die Entsorgung, an caritative Einrichtungen oder in die quartalsweise öffentliche Versteigerung. Hier darf sich der findige Sparfuchs dann über die Möglichkeit freuen, Fahrräder ebenso wie Morgenmantel oder Haftcreme zu ergattern. Es kommen zuweilen auch wirklich wertvolle Dinge unter den Hammer, etwa gute Fotoobjektive oder Handys. Dabei ist erstaunlich, dass nur etwa ein Drittel der rund 500 Fundsachen, die monatlich ankommen, tatsächlich auch irgendwann abgeholt werden. Am Schlüsselbrett hängen teils Autoschlüssel vom Juli. Da gab es entweder einen Zweitschlüssel oder die Versicherung habe längst einen neuen gezahlt, vermuten die Mitarbeiterinnen des Fundbüros.

Viele Suchende würden auch nach dem ersten Anruf aufgeben, oder scheuten den Aufwand eine Verlustanzeige aufzugeben. Dabei lohne es sich durchaus bis zu acht Wochen dran zu bleiben. Manche Einrichtungen geben Funde nur in gewissen Abständen ab. Manches findet sich einfach erst später. So entdeckte etwa Birgit Weiß selbst einmal ein Portemonnaie unter getautem Schnee – es war Wochen zuvor verloren worden. Glück hat, wen das Fundbüro über den Inhalt der Fundsache identifizieren kann, der wird einfach angerufen. Wer ansonsten etwas wiederhaben möchte, sollte ungefähr wissen wann und wo es verlustig gegangen ist. Bei Schlüsseln hilft ein zweites Exemplar zum Abgleich, bei elektronischen Geräten die Seriennummer von Rechnung oder Verpackung. Natürlich kann man sein Fehlstück auch einfach genau beschreiben. Manchmal, weiß Karin Kießling, gehöre dann etwas Erfahrung dazu, die Informationen mit den richtigen Fragen herauszukitzeln. Das Fundbüro arbeitet auch eng mit der Polizei zusammen um beispielsweise als gestohlen gemeldete Fundsachen zurückzugeben.

Den klassischen Finderlohn gibt es natürlich auch. Wer eine Sache bis zum Wert von 500 Euro findet, hat Anspruch auf fünf Prozent davon, auf Werte darüber hinaus, gibt es drei Prozent. Manchmal zieht das Fundbüro auch Experten hinzu um Werte, beispielsweise von Schmuck, bestimmen zu lassen. Der Finderlohn wird dann vom Abholer beim Fundbüro hinterlegt, doch die meisten Finder verzichten von vornherein auf ihren Anspruch. Wenn dann etwas zum Besitzer zurückkehrt, ist die Freude gerade bei Kindern oft groß. Auch Eheringe wiederzubekommen, soll noch glücklich machen. Eine Anfrage lohnt immer, und ist offenbar vielversprechender, als so mancher Turnbeutelvergesser glaubt.

Verlorenes gibt’s unter Umständen im:
Fundbüro, Düsseldorfer Platz 1 (Bürgerhaus am Wall)
Tel.: 0371 488-3388
Montag und Freitag 8.30 bis 12 Uhr, Dienstag und Donnerstag 8.30 - 18 Uhr

Text [&] Foto: Michael Chlebusch

Erschienen im Heft 01/16[nbsp]

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